Liberale Eliten, wacht auf! – Eine Erwiderung auf Carlo Strenger

Gastbeitrag von Felix Schönherr

Die liberal-kosmopolitische Elite auf der Couch
Der kürzlich verstorbene Carlo Strenger war Psychologe, Psychotherapeut und Buchautor. Er stammte aus der Schweiz und lebte und praktizierte in Israel. Für sein letztes Buch Diese verdammten liberalen Eliten: Wer sie sind und warum wir sie brauchen macht er sich den Innenblick des Therapeuten zunutze, um den State of Mind des globalen liberalistischen Milieus zu erkunden.

Im ersten Teil des Buchs folgt eine Zusammenfassung der Debatte um Globalismus, rechtspopulistischen Backlash, „anywheres“ und „somewheres“. Kurz gesagt geht es dabei um die Feststellung, dass zwei gesellschaftliche Groß-Milieus derzeit auseinanderdriften: Auf der einen Seite die anywheres – akademisch ausgebildet, multikulturell und global orientiert. Auf der anderen Seite die somewheres – heimatorientiert und nicht bereit, ihr bekanntes Lebensumfeld auf einen Schlag zu wechseln.

Dabei ist jedoch zu beachten, dass die Zuordnung nicht auf der Zugehörigkeit zu einer ökonomischen Klasse beruht. So ist der Multimilliardär Donald J. Trump der Prototyp eines somewheres. Dies verwundert nicht, denn schließlich kann er sein Immobilienvermögen nicht ohne weiteres in ein anderes Land transferieren. Sein Schicksal als Unternehmer ist eng mit der Prosperität seines Heimatlandes verwoben. Auf der anderen Seite gibt es eine prekäre Klasse von anywheres, die sich in den Großstädten dieser Welt mit schlecht bezahlten Kreativ- und Kulturberufen über Wasser hält. Hier kapriziert sich die Zuordnung des Schlagworts „Elite“ auf die Akkumulation von kulturellem Kapital…

Im zweiten, wesentlich interessanteren Teil des Buchs bespricht Strenger Fälle aus seiner psychotherapeutischen Praxis, die er der liberalen Elite zuordnet. So zum Beispiel eine feministische Literaturwissenschaftlerin, die vermittels Seitensprünge aus einem als eng empfundenen Familienumfeld ausbrechen will, einen (verdeckt) homosexuellen Investmentbanker, einen rastlos über den Globus reisenden Forscher. Gemeinsam haben alle, in einem konservativ-traditionellen Milieu aufgewachsen zu sein, und in diesem keinen Halt gefunden zu haben. Eine derartige Entfremdung gehört zum Grundgefühl vieler anywheres. Sie schließen sich in den Metropolen der Welt zu einem globalen Stamm zusammen, um ihr angeborenes Umfeld hinter sich zu lassen.

Strenger bescheinigt der liberalen Elite eine überdurchschnittlich hohe Intelligenz und einen überdurchschnittlich hohen Drang, etwas „Gutes“ für die Welt bewegen zu wollen. Diese führe in manchen Fällen allerdings schnell zu Überforderung, oder gar Hybris. Nichtsdestotrotz brauchen wir laut Strenger aber die liberalen Eliten, da sie unterm Strich der Weltgemeinschaft etwas Positives zurückgeben.

Das Problem an dieser Annahme besteht jedoch darin, dass die Frage der politischen Ideologie zu einer Frage der sozialen Zugehörigkeit aufgelöst wird. Tatsächlich geben viele der globalistisch argumentierenden anywheres nur unreflektiert Versatzstücke linker Ideologie wieder.

Der Linkspopulismus ist der blinde Fleck in Strengers Ideologiekritik
So lesenswert die ersten zwei Drittel von Strengers Buch sind, so sehr wird gerade der konservative Leser vom Schlussdrittel enttäuscht. Wo Goodhardt eine ideologiekritische Konsequenz aus seiner Reflexion zieht und damit einen Bruch mit seinem bisherigen intellektuellen Milieu vollzieht, biegt Strenger einfach wieder links(-liberal) ab, als sei nichts gewesen.

Es folgen allzubekannte Invektiven à la Stegner, die Wortführern der rechtspopulistischen Bewegungen vorwerfen, sie seien allesamt notorische und teils auch pathologische Lügner, Blender und Geschäftsleute, die ihre Positionen gar nicht ernsthaft vertreten, sondern lediglich Karriere auf dem Rücken des Zorns der somewheres machen wollen.

Statt sich kritisch auch mit der Ideologie der liberalen Eliten auseinandersetzen, reproduziert Strenger jene mit teils peinlichen linkspopulistischen Parolen:

  • So stimmten 97 Prozent der weltweiten Klimaforscher über den Klimawandel überein (ein Befund, den die bereits ausgelutschte Cook-Studie aus dem Jahr 2013 gar nicht hergibt; die wissenschaftlich gebotene Mühe, überhaupt eine Quelle für diese Behauptung anzugeben, macht sich Strenger freilich nicht);
  • über den Klimawandel gebe es wissenschaftlich nichts mehr zu diskutieren (was mit einem modernen Popper’schen Verständnis von Wissenschaft nicht vereinbar ist);
  • die Trickle-Down-Politik Reagans und Trumps sei widerlegt, da Studien eine durch sie höhere ökonomische Ungleichheit feststellten (dabei zielt Trickle Down gar nicht darauf ab, Ungleichheit auszuräumen; vielmehr liegt gerade der Clou darin, eine steigende relative Ungleichheit zu akzeptieren, um den ärmeren Schichten mehr absoluten Wohlstand zu ermöglichen.)
  • Usw.

Auch wenn manche dieser Positionen durchaus legitim sind, ist ihre Darstellung apodiktisch. Bei genauerem Hinsehen kann die liberalistische Ideologie keinen Absolutheitsanspruch für sich reklamieren.

Zwar sind die liberalistischen Eliten überdurchschnittlich gebildet und oft auch intelligent. Hierdurch sind auch sie nicht automatisch vor Populismus oder sogar Extremismus gefeit. Politisch sind sie derzeit vor allem eins: Besorgte Bürger. Sie haben Angst vor dem Klimakollaps, Angst vor dem Aufkommen eines Weltkriegs, Angst vor einer Abschaffung der Demokratie, Angst vor der Kernkraft, Angst vor Polizei und Militär, Angst vor „bösen weißen Männern“ wie Donald J. Trump oder Jair Bolsonaro, und so fort.

Und so verwundert es nicht, dass auch sie Demagogen zum Opfer fallen, die komplexen Problemen mit einfachen Lösungen begegnen wollen. Nur kommen jene in diesem Fall eben von links – und hantieren mit technisch und sozial unmöglichen Konzepten wie dem „Green New Deal“ oder der anarchistischen Parole „No Border, No Nations“.

Die Nöte der somewheres finden nur unzureichend Berücksichtigung
Dreist und gerade für einen Psychotherapeuten unangemessen argumentiert Strenger zudem, auf die Wähler rechtspopulistischer Parteien (die „somewheres“) und ihrer Belange sei keine Rücksicht zu nehmen, da es ihnen an emotionaler und intellektueller Reflexionsfähigkeit fehle.

Hier macht sich ein blinder Fleck bemerkbar, der sich aus der Beratungspraxis des Star-Therapeuten Strenger zu ergeben scheint. Wenig unterschwellig wird Strenger nicht müde, auf seine internationale Bekanntheit und die damit verbundenen hohen Stundensätze hinzuweisen (Patient: „Ich habe alle Ihre Bücher gelesen!“). Schließlich leitete auch der Übervater der Psychoanalyse Sigmund Freud – nach dem Carlo Strenger seinen Hund benannt hat – aufgrund seines selektiven Blicks auf Patienten aus den gehobenen bürgerlichen (und wohl auch progressiven) Schichten seiner Zeit falsche Thesen ab. Denn wohl nur eine bestimmte Schicht schafft es zu ihm auf die Couch. Übernimmt der Therapeut deren Ansichten und Werturteile, schlägt dies auch auf seine Theorie zurück.

Um mehr Einfühlungsvermögen auch für die somewheres zu entwickeln, sollte Herr Strenger vielleicht auch einmal Menschen auf die Couch legen, die von den Effekten der globalisierten Moderne negativ betroffen sind: Jungen britischen Frauen, die von immigrierten pakistanischen Vergewaltigerbanden in zigtausenden Fällen missbraucht wurden – weil eine „progressive“ Verwaltung und Justiz aus Angst vor dem Rassismusvorwurf nicht einschritt… Oder auch Bewohner amerikanischer Kleinstädte des Mittleren Westens, die von einer tödlichen Heroinwelle überrollt werden – dem Gemeinschaftsprodukt einer skrupellosen Pharmaindustrie und der mexikanischen Drogenmafia. Oder den Menschen, die im Zuge der weltweiten Finanzkrise Arbeit und Dach über dem Kopf verloren haben und heute in ihrem Auto leben müssen. Oder, oder, oder… Auch die seelischen Schmerzen dieser Menschen sollten gehört werden.

Zahlreiche weitere blinde Flecken der liberalistischen Ideologie sollten nähere Betrachtung finden:

Strenger beobachtet, dass die liberalistische Elite von einem Hassgefühl gegen alles Partikulare, Traditionelle und Provinzielle besessen ist. Wie sich dieser zweifelsohne ungesunde Hass reflektieren und auflösen lässt, entgeht seinem Blick.
Der Holocaust spielt eine wichtige Rolle im Befinden der liberalistischen Elite. Strenger beschreibt sowohl den Fall einer Nachfahrin jüdischer Holocaust-Opfer als auch einer Nachfahrin von Holocaust-Tätern. Im kollektiven Gedächtnis besteht jedoch ein blinder Fleck im Hinblick auf die Gräueltaten universalistischer und progressiver Bewegungen – von den Jakobinermassakern bis zum Holodomor in der Stalinzeit. Der Universalismus kann daher aus dem Holocaust keine allgemeingültige moralische Überlegenheit gegenüber sämtlichen Partikularismen ableiten. (Im Sinne von: „Jede National- bzw. Gruppenidentität ist per se böse und schlecht.“) Und auch der Universalismus kann ins Totalitäre umschlagen und zu schrecklichen Mordprogrammen führen.
Linke und liberalistische Politik steht vor dem konkreten Widerspruch, Universalismus und identitäre Bewegungen – sofern sie von „unterdrückten Minderheiten“ ausgehen – unter einen Hut zu bringen. Wenn gleichzeitig die Achtung von Homosexuellenrechten und die Achtung des konservativ-politischen Islam „p.c.“ ist, geht die Rechnung nicht mehr auf. Dieser Widerspruch ist keineswegs neu. Bereits in den 1960ern standen Linke vor dem Problem, ob anti-demokratische und chauvinistische „Befreiungsbewegungen“ in den Kolonialgebieten zu unterstützen seien.
Zusammenfassend bleibt der Eindruck, dass Strenger trotz seines teils hervorragenden Ansatzes eine große Chance vergibt. Allen Beteiligten muss klar sein: Weder anywheres noch somewheres werden in absehbarer Zeit „weggehen“. Ebensowenig scheint derzeit eine politische Vermittlung zwischen beiden Lagern möglich.

Die historische Chance des Konservatismus
Hier bietet sich dem konservativen Lager eine große intellektuelle Herausforderung und Chance. Ein Konzept von Konservatismus, das geeignet ist, einen Brückenschlag zwischen anywheres und somewheres herzustellen.

Dieser Konservatismus muss glaubhaft versichern können: Wir Konservativen garantieren Euch, den anywheres, den Fortbestand einer liberalen und demokratischen Gesellschaftsordnung und vernünftige Lösungsansätze für die großen Menschheitsprobleme, wie dem Umweltschutz, Friedenspolitik oder auch der Migration. Und gleichzeitig: Wir werden die Kultur, die Euch, den somewheres, ans Herz gewachsen ist, bewahren und eine bessere, national gesinnte Elite sein, als es das Personalrepertoire der Rechtspopulisten hergibt.

 

Quelle: Der Text ist zuerst erschienen im Taxis Magazin am 15.01.2020.

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George Buchanan (1505-1582): Dialogue concerning the rights of of the Crown of Scottland, englische Übersetzung von 1799, London, 143.