Triumph, Tragödie und das Elend des Pathos

Vor 150 Jahren wurde das Deutsche Kaiserreich aus Platzgründen im Spiegelsaal von Versailles gegründet. Preußen hatte zuvor in einer Reihe blutiger Schlachten die lediglich vermeintliche Großmacht Frankreich besiegt. Der brutale Krieg 70/71 sollte noch bis zum Massacker der Pariser Kommune und dem endgültigen Friedensschluss im Mai andauern. Kriegstreiber Bismarck gelang mit günstigen Wendungen, machtpolitischen Winkelzügen und dem Elend Hunderttausender die norddeutsche Reichsgründung.

Es lohnt sich eine Gesamtdarstellung des französisch-preussischen Krieges in die Hand zu nehmen. Informativ, mit Stärken und Schwächen, ist das beispielsweise die 2019 erschienene Abhandlung von Klaus-Jürgen Bremm: „70/71. Preußens Triumph über Frankreich und die Folgen“. Vielleicht geht es anderen Lesern wie mir, wenn ich folgende Aspekte thesenartig hervorhebe – ich habe sie als besonders eindringlich wahrgenommen, weil sie sich vom verblassten Pathos eines vermeintlich glorreichen nationalen Einigungskrieges abheben (nachfolgend nur die deutsche Seite):

  1. Bismarck hatte als personifiziertes, machtpolitische Grauen und Kriegstreiber zuweilen mehr Glück als Verstand. Das gilt auch für die katastrophale französische Kriegsführung.
  2. Die einfachen Menschen traf der Krieg und zuvor bereits die mehrjährige Wehrpflicht schwer. Das gilt infolge des zehntausendfachen Tods von Soldaten und der vielen verwundeten und verstümmelten Soldaten (rund 50.000 Gefallene und rund 100.000 verwundete Deutsche). Hinzu kamen die drastischen finanziellen Einbussen für ihre Familien. Insgesamt wurden über 1 Millionen Soldaten mobilisiert. Die soziale Kluft verbreiterte sich, Mangel herrschte aller Orten. 
  3. Die Wirtschaft wurde durch den ad hoc Verlust hunderttausender Arbeiter, durch das Zerschneiden von Wirtschaftsströmen und den Verlust der Eisenbahntransporte hart getroffen.
  4. Die Führung im Gefecht mutet dilettantisch und brutal an. Regelmäßig stürmten Kadavergehorsam verlangende Offiziere ihren Einheiten voran offen gegen die feindlichen Stellungen und wurden niedergemäht. 
  5. Das Staatsversagen betraf nicht nur die Familien und Angehörigen der Soldaten, sondern bereits die Versorgung der Verwundeten und der Versehrten. In den ersten Monaten konnte das durch das enorme Engagement privater Vereine aufgefangen werden. 
  6. Die Reichsgründung löste wenig Begeisterung bei der kriegsmüden Bevölkerung aus, süddeutsche Staaten wurden gegen das Ziel ihres Kriegseintritts – die Eigenständigkeit – eingebunden.
  7. Sowohl in Deutschland als auch in Frankreich gab es eine Rückkopplung zwischen den Kriegsereignissen und der verantwortlichen Führung einerseits und der Stimmung in der Bevölkerung andererseits auf die die politische Führung Rücksicht nehmen musste. Der Etatismus hielt sich trotz allem in Grenzen.

Perspektivisch sollte die industrialisierte Form des Kriegs ein Vorspiel zu einem noch viel größeren Elend sein, das schließlich die (alte) Welt umstürzte.

Gerade für Liberale dürfte die kontra-faktische Welt eines frühzeitigen Scheiterns von Bismarck ohne Krieg und Kaiserreich eine interessante und frohe Denkübung sein.

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Denkanstoss

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