Beeindruckend: Born to run – Lessons learned

“Born to run” hat mich in seinen Ban gezogen. Über Tage hinweg. Immerhin ist das Hörbuch fast 18 Stunden lang. Die deutsche Hardcover-Ausgabe bietet knapp 670 Seiten Text. Das englische Original soll noch besser sein. Es ist mein zweiter Anlauf. Nach dem Erscheinen im Oktober 2018 hatte ich erstmals reingehört, fand aber nicht den Rhythmus. Vielleicht war ich auch ein wenig abgestoßen von der lieblosen Kindheit, die Bruce Springsteen im trostlosen Freehold, New Jersey, südlich von New York in den 50er und 60er Jahren erlebte.

Nachdem ich mich auf die intensive, enorm reflektierte Lebensgeschichte eingelassen hatte, glich das Hören der 160 Kapitel dem Schauen einer Serie. Vielleicht war es sogar intensiver, weil der Text im Kopf einen Strom eigene Bilder erzeugt. Weil mehr Raum für Mit- und Nachdenken bleibt. Weil das Eintauchen in die Musik vom Boss und seiner E-Street-Band, die ich mir zwischendurch immer wieder anhörte, Erinnerungen wach rief und neue geschaffen hat. Der Auftritt beim Super Bowl 2009, den man sich bei YouTube anschauen kann, ist mit der Erzählung von Bruce Springsteen ein anderer. Eine Innensicht und eine konzipierte Setlist. Die Songs und ihre Texte lassen sich nur oder viel besser verstehen, wenn man ihre Entstehung im Kontext der Zeit kennenlernt, an den Gedanken, Absichten, Gefühlen des Songwriters teilhaben kann. Kommen noch Schilderungen von Auftritten und Wahrnehmungen hinzu, wie die Musik ankam, dann steigen Verständnis und Intensität weiter. Das wäre bei Mozart und Beethoven nicht anders.

Ich bin mit Bruce Springsteen groß geworden, war aber kein eingefleischter Fan. Leider habe ich es nie zu einem Konzert geschafft, ebenso bedauerlich wie bei Queen. Van Halen und Eric Clapton waren live großartig. Born in the USA habe ich genauso falsch verstanden wie Millionen andere. Nun fühle ich mich wie ein Begleiter von Bruce Springsteen. Das liegt an seinem erzählerischen Talent, an seiner schonungslosen Offenheit, an seinen schnörkellosen, bilderreichen Schilderungen, die so energetisch aufgeladen sind wie seine Auftritte. Bruce Springsteen wohnte eine Energie inne, die kaum zu bändigen war. Er bändigte sie, formte sie, gab ihr einen Platz, an der Spitze einer Band herausragender Musiker, als exzellenter Gitarrist, als poetischer Songwriter und keineswegs zuletzt: in seinem intensiven Verhältnis zu vielen Lebensgefährten. Seine zwischenmenschlichen Reflexionen sind psychologisch-analytisch klar und von einer Liebe erfüllt, die herzerfrischend ist. Kaum jemand dürfte vor Erscheinen der Autobiographie von den mostermäßigen Depressionen gewusst haben, die er geerbt hat und die ihn mehrfach an den Rand des Abgrunds führten.

Offenkundig ist “Born to run” eine selektive Schilderung und eine Selbstinszenierung. Der Schwerpunkt liegt auf der Zeit bis zum Durchbruch und dem ersten Erfolgsjahrzehnt. Der Boss weist selbst darauf hin, dass er nicht alles mit Millionen Lesern und Hörern teilen kann und schildert doch intime Momente, wie den im Schlafzimmer als erfährt: ich werde Vater. Gerne wäre ich mehr in den Tour-Alltag eingetaucht. Was mich als Nicht-Musiker erstaunt hat und auch wiederum nicht, ist seine Professionalität und sein Kenntnisreichtum der Musik und der Musikgeschichte weit über den Rock ‘n’ Roll hinaus.

Politik spielt später auch eine Rolle. Springsteen lässt sich dem progressiven Lager zuordnen. Er kritisierte die Wall Street Auswüchse mit einem ganzen Album genauso wie die wachsende Unterschiede zwischen Reichen und Armen in den USA. Armut, Reichtum, die dramatischen Wohlstandsunterschiede bekommen bei ihm, der lange am Rande der Obdachlosigkeit lebte, eine andere Authentizität. Mit Barack Obama verbindet ihn viel, zuletzt ein gemeinsamer Podcast.

Was können Freiheit liebende Menschen mitnehmen? Vieles. Vielleicht auch das:

    • Menschen so nehmen wie sie sind: Bruce Springsteen schildert Menschen mit ihren Stärken und Schwächen, sich selbst an allererster Stelle, und nimmt sie, schätzt sie, liebt sie, wie sie sind, gerade weil sie eigen sind. Authentizität, wohl verstanden, kommt zudem beim Publikum an.
    • Gehe Deinen eigenen Weg: Das ist leicht gesagt mit Blick auf einen der erfolgreichsten Rock-Musiker aller Zeiten, aber nicht reduzierbar auf das Ausmaß des Erfolgs. Dem Unkonventionellen wohnt viel schöpferische Kraft inne, die man nicht in der Schule und kaum auf weiterbildenden staatlichen Einrichtungen lernen kann.
    • Leidenschaft und Professionalität gehören zusammen: Leidenschaft ist der Antrieb, Professionalität unerlässlich, um Qualität zu erzeugen. Das gilt über die lebenslange Verbesserung von Gitarrenspielen und Gesang hinaus. Beide dienen dem Publikum, der entscheidenden Instanz.
    • Stärken gehen mit Schwächen einher, ihre Kombination kennzeichnet einen Menschen mit Charakter, Schwächen können zu Stärken führen. Springsteen war kein begnadeter Sänger, aber ein Energiebündel, Showman, Songwriter und Band-Boss mit einem Gespür für gute Musiker und einen eigenen Sound.
    • Das Leben ist eine Entdeckungsreise und entfaltet sich im Tun. Jeder kann seinen Platz finden. Mit etwas Mut und Durchhaltevermögen, mit Versuch und Irrtum und erneutem Versuch können wir etwas schaffen – in unserem Umfeld, die spontane Ordnung bereichernd. Eine persönliche Vision eines besseren Lebens verleiht der Reise Klarheit und Konsequenz. Bei Bruce Springsteen war das nicht weniger als eine der besten Rock-Bands aller Zeiten zu formieren.
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