Die drei politischen Stämme und ihre Konflikte

Der Unterschied zwischen einer großen, offenen Gesellschaft und tribalen Gruppen ist tiefgreifend. Eine Gesellschaft ist divers, pluralistisch, offen, während eine Gruppe durch den Zusammenhalt unter einer Ideologie, der Gefolgschaft und Unterordnung unter (einen) Führer und die Abschließung gegenüber anderen Gruppen gekennzeichnet ist – cum grano salis.

Friedrich August von Hayek wies auf die Problematik des Gruppen-, auch Stammes- oder Hordendenkens hin, das Gruppen kennzeichne. Sozialisten strebten danach, die Regeln der Kleingruppe auf eine anonyme Gesellschaft zu übertragen, mit verheerenden Folgen.

Der Soziologe und ebenfalls Nobelpreisträger Daniel Kahneman hat auf den Unterschied zwischen schnellem, intuitiven Denken und langsamen, abwägenden Denken hingewiesen. Weniger häufig erwähnt wird, dass Kahneman eine Art Fehlnutzung des langsamen Denkens thematisierte, das wir Menschen zur Rationalisierung des langsamen Denkens verwenden, weil wir unsere normativen Standpunkte stärken wollen, statt offen und breiter zu denken.

Bereits vor sieben Jahren hat der amerikanische Ökonom Arnold Kling vor diesem Hintergrund eine kluge, konzise Analyse der politischen Lagerbildung vorgelegt. Deren Bedeutung ist mit den beiden folgenden Auflagen 2017 und zuletzt 2019 noch gestiegen. Das Buch verdient weit reichende Aufmerksamkeit.

Im Mittelpunkt stehen drei bipolar betrachtete Achsen, die das politische Spektrum der USA kennzeichnen sollen. Es handelt sich gleichermaßen um ideologische wie moralische Positionen:

1. Die Progressiven (Sozialisten) denken entlang der Achse Unterdrücker und Unterdrückte.

2. Die Konservativen stellen Zivilisation und Barbarei gegenüber.

3. Die Libertären (Liberalen) betrachten bipolar Freiheit und Zwang.

Diese Achsen dienen zugleich der Dämonisierung, so Arnold Kling, und der Bekräftigung, der jeweils eigenen moralischen Überlegenheit.

Mit Hilfe dieser Muster lassen sich weitreichende, hoch problematische Folgen verbinden: politische Lagerbildung, deren Unvereinbarkeit, Hartleibigkeit, Konzentration auf die eigenen Anhänger und Abwertung der anderen Gruppen, Ideologisierung und Abschottung, Unverständnis für abweichendes Denken, Schüren von Konflikten und dergleichen mehr.

Es ist ungemein anregend wie Arnold Kling die Achsen nutzt, um scheinbar separate Phänomene wie die amerikanische Bürgerrechtsbewegung, die deutsche Judenverfolgung oder Steuerreformen aus der jeweiligen Perspektive zu erhellen. Am Beispiel der Judenverfolgung: Progressive betonen die Unterdrückung einer Minderheit durch die Nazis in einem Rassestaat. Die Konservativen sehen den Rückfall einer hoch entwickelten Nation und Kultur in die Barbarei der Nazis. Die Libertären fokussieren die furchtbaren Konsequenzen des staatlichen Gewaltmonopols.

Arnold Kling macht sich zudem auf die Spurensuche nach plausiblen Ursachen, die er in anthropologischen und soziologischen Vorteilen der Gruppenbildung ausmacht. Wir Menschen suchen Anerkennung innerhalb der eigenen Gruppe durch Wohlgefallen, verwenden eine Gruppen konforme Sprache und grenzen anders sprechenden und denkende Menschen aus oder diffamieren sie. Dabei sei es leider sogar vorteilhafter, Gegner zu kritisieren, als belastbare Argumente für die eigene Position anzuführen.

Mit den Worten von Arnold Kling: „In politics, I claim that progressives, conservatives, and libertarians are like tribes speaking different languages. The language that resonates with one tribe does not connect with the others. As a result, political discussions do not lead to agreement. Instead, most political commentary serves to increase polarization. The points that people make do not open the minds of people on the other side. They serve to close the minds of the people on one’s own side.

Ein Ergebnis sind die fruchtlosen politischen Debatten und die mich längst irritierenden Eigenheiten in sozialen Medien, wo man vor allem, wenn nicht ausschließlich zu den Konvertierten spricht und von ihnen Likes für politische Stellungnahmen erhält. In den USA ist die immer konfrontativere Aufspaltung des Landes in zwei große, feindliche Lager die Folge: Demokraten und Republikaner, daneben noch ein kleines der Libertären. Trump ist demnach nur ein Symptom, nicht die Ursache. Zugleich wird klar, warum die Republikaner quasi über Nacht zu Nationalisten und Protektionisten werden konnten.

Bedenkenswert ist die Beobachtung, dass Politik zur Ersatzreligion geworden sei, die der Identifikation diene. Wie destruktiv Politik geworden sei, ließe sich an der Sprache erkennen, die sich mit Hilfe der drei Achsen leicht identifizieren lasse und dementsprechend die Kommentatoren zuordnenbar mache.

Für Arnold Kling ist die libertäre Position zwar überwiegend überzeugend, aber keineswegs immer. Für die Bürgerrechtszeit verfügten beispielsweise die Progressiven über die passendere Diagnose und Kritik.

Vorteilhaft ist es offenkundig, die anderen Sprachen zu kennen, um diese zu verstehen, um ggf. eigene Positionen vermitteln zu können und vor allem, um zu erkennen, dass man selbst irrt. Unvernünftig könne man nur selbst sein, urteilt Kling in Übereinstimmung mit Ludwig von Mises, nicht aber jemand anderes.

Hoffnung gibt es kaum, aber immerhin ein wenig: Statt den gefährlichen Weg weiter zu beschreiten und den Sieg der eigenen Horde anzustreben, strebt Kling nach einem weniger spektakulären Ziel: klüger werden und offener.

Michael von Prollius

Arnold Kling: The Three Languages of Politics. Talking across the political divides, Cato Institute, 1. Auflage 2013, 3. Auflage Washington 2019, 146 Seiten, Taschenbuch, E-Book, Hörbuch.

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