Familien-Unternehmen: Rückgrat der deutschen Wirtschaft seit Jahrhunderten

Über 50 Kurzportraits von deutschen Familien-Unternehmen, die vor 1900 gegründet wurden, hat der Sachbuchautor und Übersetzer Wolfgang Seidel zusammen getragen. Dutzende weitere werden in drei Anhängen skizziert. Der Leser hält ein informatives, lexikalisch anmutendes Kompendium in der Hand und kann entweder einzelne Unternehmensgeschichten lesen oder nach der konzeptionell bedingt etwas fordernden Gesamtlektüre eigene Strukturerkenntnisse gewinnen. Die gut geschriebenen, konzisen Kapitel überzeugen auch durch das Layout und muntere Überschriften wie „Das 52-zähnige Krümelmonster“ für Bahlsen oder „Garantiert unzerbrechlich – die Glasdynastie“ für die Glasmanufaktur Freiherr von Poschinger. Jedem Kurzportrait wurden Übersichtsinformationen vorangestellt. Die Texte erfassen die Unternehmensgeschichten unsystematisch und vielfach mit dem Schwerpunkt auf die Gründerzeit. Leider fehlen jedwede Quellenangaben.

„Fast alle Unternehmen waren ursprünglich Familienunternehmen.“ Mit diesem viel sagenden Satz beginnt das Vorwort und die Reise in eine ungemein reiche deutsche Wirtschaftsgeschichte, die viele europäische Verästelungen aufweist, darunter die aus Savoyen stammenden Gründer des Reclam Verlags und die niederländischen Wurzeln der Berenberg Bank. Die Geschichte der Berenberg Bank reicht 430 Jahre zurückt. Wer kurz innehält wird ermessen können, was alles seit dem Ende des 16. Jahrhunderts passiert ist, darunter Wechsel von Herrschern und Herrschaftsformen, Kriege, Erfindungen, Entdeckungen und Innovationen in den Wissenschaften und bei der Führung von Unternehmen im Wettbewerb auf sich wandelnden Märkten bis zum Zusammenrücken der Welt vor dem Ersten Weltkrieg und seit den 1970er Jahren bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts. Das sind zugleich wesentliche Herausforderungen, vor denen Familien geführte Unternehmen über Generationen hinweg stehen.

Zu den ältesten Familienunternehmen gehören Weingüter, Brauereien, Apotheken, Handwerksbetriebe, Händler und eben Banken, die zuweilen aus Handelsunternehmen hervorgegangen sind wie die Berenberg Bank. Deutlich wird, dass eine Gründerzeit schon vor der weithin bekannten von 1871-73 existierte – begünstigt durch Gewerbefreiheit (ab 1806), einen Binnenmarkt vor und insbesondere mit dem Deutschen Zollverein (ab 1834) und durch die Durchbrüche auf naturwissenschaftlichem Gebiet sowie offenkundig die industrielle Revolution. Das kapitalistische Zeitalter begann keineswegs mit Kapitalgesellschaften, sondern wurde von Familienunternehmen getragen.

Wolfgang Seidel zeigt en passant die enorme Produktvielfalt der Unternehmen auf, die vom Eau de Cologne von Farina über Notenblätter von Breitkopf & Härtel bis zu den zahlreichen sozialen Verdiensten der Unternehmer reichen, die im Fall von Faber Castell mit einem Adelstitel gewürdigt wurden. Kultstühle von Thonet, zufällige Welterfolge wie Teddybären von Steiff, inzwischen in der 6. Generation, schwerste Lasten bewegen von Neuhaus, das 1745 in Witten als Schmiede gegründet wurde, aber auch der 1763 gegründete Beck Verlag und der Weltmarktführer für Hopfen Barth, 1794 gegründet, zeigen, dass die Familienunternehmen Produkte herstellten, die unvereinbar mit heute gern gepflegten antikapitalistischen Klischees sind. Das gilt auch das bereits seit 1874 um Energieoptimierung beim Heizen bemühte Unternehmen Vaillant und den größten Philantropen Frankfurts, die Metzler-Bank. Übrigens ist das älteste beschriebene Unternehmen das Weingut Prinz Salm, gegründet zur Zeit des Stauffenkaisers Friedrich II.  ca. 1200, heute geführt in der 30. Generation. Das älteste Industrieunternehmen, die heutige William Prym GmbH & Co. KG, wird seit seiner Gründung in Aachen 1530 immerhin über 20 Generationen im Familienbesitz geführt und reüssiert insbesondere mit Druckknöpfen für die Bekleidung.

Die Führung von Familienunternehmen über Generationen hinweg ist eine enorme Leistung. Das zeigt ihr erfolgreicher Fortbestand trotz Disruptionen wie die Eroberung des Landes, die völlige Zerstörung der Geschäftsräume im Krieg, das Überleben im Dritten Reich, die Herausforderung durch Wettbewerb, fundamentale Nachfrageänderungen und technischen Innovationen, etwa die Verdrängung des Papierdrucks durch Digitalisierung oder der Niedergang des Schuheputzens. Die Bezeichnung „hidden champions“ trifft nicht nur auf die Weltmarktführerschaft zu.

Ich verbinde mit den Familienunternehmen auch die zeitlose, wenn auch aus der Mode gekommene Formel des ehrbaren Kaufmanns. Das persönliche Haften gehört dazu und stellt, gerade auch bei Bankiers, eine bemerkenswerte Alternative zu anonymen Kapitalgesellschaften dar – zumal in einer Welt, die in Schulden zu ertrinken droht. Die Frage liegt nahe, wie wir Wirtschaft und Gesellschaft wahrnehmen würden, wenn es weniger Hype um Management und mehr Aufmerksamkeit für Eigentümerunternehmer gäbe, wenn es kaum oder keine begünstigten Kapitalgesellschaften gäbe.

Selbst ein Rezept für guten und lukrativen Journalismus bietet der Band. Der Erfinder des Feuilletons, Du Mont, verlegte eine der besten Zeitungen: die Kölnsche Zeitung. In ihr publizierten exzellente Autoren. Die als sehr gut informiert geltender Zeitung war ein liberales Sprachrohr und bot die ersten guten Wettervorhersagen, kurz: Qualität zahlte sich aus.

Familienunternehmen prägen die deutsche Wirtschaft. Das gilt für die Zahl der Unternehmen (über 90%), die Arbeitsplätze (über 50%), den Umsatz (über 50%) und die Namen vieler Dax-Konzerne (von Adidas über Daimler und Henkel bis Siemens). Die Stiftung Familienunternehmen macht sich für Grundfeste unserer Gesellschaft stark. Wer nur eine Erkenntnis aus der Fundgrube von Wolfgang Seidel mitnehmen möchte, dem sei folgende angeboten: Wir können uns glücklich schätzen über die traditionsreichen, wohltuenden Familienunternehmen.

Michael von Prollius

Literatur: Wolfgang Seidel: Die ältesten Familien-Unternehmen Deutschlands, FBV München 2019, 331 S., 24,99 Euro.

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George Buchanan (1505-1582): Dialogue concerning the rights of of the Crown of Scottland, englische Übersetzung von 1799, London, 143.