Kommunismus und Nationalsozialismus – zwei Seiten derselben Medaille 

Wenn das Hakenkreuz verboten ist, sollten Hammer und Sichel es auch sein. Das war eine prägnante Botschaft eines Gesprächs zwischen einem deutschen Journalisten mit einem Kollegen aus der Tschechoslowakei. So überrascht und ein Stück weit entsetzt der Deutsche schien, so klar und konsequent wirkte sein Prager Kollege auf mich vor etwa 20 Jahren. Dazu gehörte auch, dass der Tschechoslowake gegen Verbote politischer Symbole war und für den mündigen Bürger eintrat. Überzeugend thematisierte er das Leid der Menschen hinter dem zunächst stalinistischen Vorhang. 

Selbst wenn Sozialismus oder Kommunismus totalitäre Formen annimmt, geben Kopfarbeiter dem linken Totalitarismus zumindest etwas Kredit. Die Nationalsozialisten gelten hingegen als Inbegriff des politisch Bösen. Vergleiche geziemten sich Jahrzehnte lang gerade in der Wissenschaft nicht, das würde angeblich die Singularität von Auschwitz relativieren. „Ordnung durch Terror“ hat dieser einäugigen Sichtweise eine zweite Perspektive verschafft, die der Gewalt. Und auch von konservativer Seite ist guter Rat nicht teuer: „Statt zwischen den richtigen und falschen Ideen zu unterscheiden, unterscheidet man lieber zwischen ‚guten’ und ‚schlechten’“ urteilte Alain de Benoist in „Totalitarismus“.

Ähnliche kategoriale Ablehnung ist der Totalitarismus-Forschung entgegengeschlagen. Der Mangel an liberalen Intellektuellen mit gesellschaftlicher Reichweite mag ein Grund sein, warum das Links-Rechts-Schema nicht vom Knechtschaft-Freiheit-Denken Konkurrenz bekommen hat. Der Liberale Giovanni Amendola warf Mussolini als erster vor, ein „sistema totalitario“ errichten zu wollen. 

Gleichwohl hat es eine Fülle von Untersuchungen, Modellen, Erklärungsansätzen und Theorien gegeben, die sich zur Totalitarismus-Forschung gezählt werden können. Der Historiker Wolfgang Wippermann hat eine kritische (linke) Bestandsaufnahme 1997 vorgelegt, der Politikwissenschaftler Eckhard Jesse im Jahr zuvor eine Bilanz der internationalen Forschung zusammengetragen. 

Mit Alexander Fichtner hat sich 2019 ein Diplom-Politologe und Erziehungswissenschaftler mit den totalitären Muster beschäftigt, die Kommunismus und Nationalsozialismus kennzeichnen. Das Buch mit dem anregenden Titel „Die Logik der totalitären Ideologie“ besteht aus fünf ungleichgewichtigen Teilen. 

Teil 1 befasst sich mit dem Forschungsstand zur totalitären Ideologie und enthält in über 20 Kapiteln zusammenfassende Auswertungen namhafter Wissenschaftler, die sich von den Zeitgenossen an mit Kommunismus und Nationalsozialismus befasst und unterschiedliche Erklärungsansätze erarbeitet haben. Gesondert wird der Extremismus-Ansatz thematisiert.

Teil 2 resümiert mit Kommunismus und Nationalsozialismus verbundene Weltanschauungen, von Marx und Engels über die Rassentheorien Gobineaus und Hitler bis Karl Zimmermanns NS-Katechismus.

Teil 3 enthält kulturtheoretische und sozialpsychologische Perspektiven u.a. von Freud und Le Bon, während Teil 4 recht innovativ den Ansatz der Verschwörungstheorie in totalitären Ideologien thematisiert.

Teil 5 umfasst schließlich als Synthese eine Definition totalitärer Ideologie, deren Hauptmerkmale und Kennzeichen einschließlich der verschwörungstheoretischen Weltsicht als optionaler Komponente (da nur auf den Nationalsozialismus zutreffend) sowie deren Wirkungen und einige Bemerkungen zur Verbindung von Ideologie und Handeln. 

Was hält der Leser in der Hand? Zunächst eine Fleißarbeit, in der viel, aber nicht alle relevante Literatur, tw. einem Kompendium ähnlich, unterschiedlich treffend aufgearbeitet wurde. Sichtbar wird so auf rund 150 Seiten die lange Reihe von Autoren und Konzepten, die viele Gemeinsamkeiten der beiden Gewaltsysteme thematisieren, auch deren politisch-religiösen Charakter, sowie spezifische Eigenheiten aufzeigen. 

In der Gesamtschau wirkt das konkurrierende Rangeln um das passendere Muster mit geeigneteren Kategorien ermüdend und insbesondere wahlweise komplex oder wenig erhellend in der Sache. Diese Zusammenstellung der Perspektivenvielfalt ist gleichwohl ein Verdienst. Allerdings wirft das die Frage auf, welcher Erkenntnisfortschritt mit den von Alexander Fichtner abschließend vorgeschlagenen sechs obligatorischen, einerseits strukturellen, andererseits logischen Hauptmerkmalen totalitärer Ideologie verbunden sind: monokausale Ausgangsidee, messianisches Selbstverständnis, bipolares Freund-Feind-Schema, Wahrheits- und Erkenntnismonopol, Einheit und Gleichförmigkeit, fundamentale Verwerfung. Das gilt auch für deren Kombination mit psychologischen Prozessen, die in vier Hauptwirkungen resultieren sollen: Komplexitätsreduktion, Welterklärung, Wirklichkeitsemanzipation, moralisch-universelle Überlegenheit.

Naturgemäß bleibt der Eindruck hoher Abstraktion zurück. Das liegt auch daran, dass eigentlich keine Denkmuster oder Schlussfolgerungslehre identifiziert wurden, zumindest nicht durch Quellen-Arbeit, was bei Historikern kritisch betrachten werden, sondern vielmehr eine Fülle von vorwiegend theoretischen Interpretationen untersucht wurden. Der Unterschied zur exzellenten Habilitationsschrift von Frank-Lothar Kroll „Utopie als Ideologie: Geschichtsdenken und politisches Handeln im Dritten Reich“ wird so überaus deutlich. 

Letztlich lässt sich fragen, ob den Totalitarismustheorien selbst etwas Totalitäres innewohnt, nämlich ein allumfassender Erklärungsanspruch. 

Nachtrag: Leider ist für den Preis die handwerkliche Buchqualität stark verbesserungswürdig.

Michael von Prollius

Literatur: Alexander Fichtner: Die Logik der totalitären Ideologie. Analoge Denkstrukturen am Beispiel des Kommunismus und Nationalsozialismus unter Berücksichtigung der inhaltlichen und intentionalen Eigenheiten, LIT Verlag Münster 2019, 330 S., 34,90 Euro.

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George Buchanan (1505-1582): Dialogue concerning the rights of of the Crown of Scottland, englische Übersetzung von 1799, London, 143.