Konflikt als Lösung – statt Konflikte lösen

Manche Bücher verändern die eigene Sichtweise grundlegend. Vermutlich geschieht das nicht voraussetzungslos. Reinhard K. Sprenger ist ein Meister der Alternativen und verbindet dabei Bodenhaftung und Erfahrung mit Klarheit und Anspruch.

Sein aktuelles Buch „Magie des Konflikts“ ist über weite Strecken „krass“ gut. Der Managementberater und Alltagsphilosoph bietet eine andere Weltsicht: für den Alltag in Unternehmen, für die persönliche Lebenseinstellung, für eine bessere Gesellschaft. Man muss dafür indes sein eigenes Verhalten überprüfen und ändern.

Sprengers Kernaussage: Der Konflikt ist die Lösung für den Zusammenhalt der Menschen. Man kann ihn nicht abschaffen. Man sollte ihn als Gleichzeitigkeit verschiedener Interessen und Lebensweisen akzeptieren und in konstruktiven, produktiven Bahnen halten. Eher selten ist ein Lösen vom Konflikt die beste Wahl, ein Lösen des Konflikts bleibt indes fast immer illusorisch.

Das ist harter Tobak. Steht das Wort Konflikt doch bisher für Stress, Ärger, Destruktives, negative Ergebnisse, die wir zu vermeiden suchen. Tatsächlich? Warum suchen wir dann regelmäßig den Konflikt? Weil es uns wichtiger ist, den Konflikt einzugehen als ihm aus dem Weg zu gehen. Und das ist richtig und gut so, wenn man Reinhard Sprenger folgt. Das gilt auch, weil man in Konflikte mit der Erwartung einer gemeinsamen Zukunft gehe. Wie kontra-intuitiv: Konflikte verbinden! 

In dieser Perspektive beginnt sich der Charakter von Konflikten radikal zu ändern. (Erst) Konflikte ermöglichen Innovation und Anpassung, sorgen für Lebendigkeit, ermöglichen sowohl als auch statt entweder oder – integrieren also. Was mir besonders gefällt ist, dass Konflikte Ausdruck einer unaufhebbaren Widersprüchlichkeit des Menschen sind. Folglich können wir gelassener in Konflikte gehen, können wir Konsistenz nicht mehr so ernst nehmen, wenn wir können oder besser wirklich wollen.  

Ambivalenz, Mehrdeutigkeit, Widersprüchlichkeit prägen unsere Welt vielleicht mehr als je zuvor. Die Antwort darauf kann nicht Eindeutigkeit und Unterpflügen von Differenzen sein. Das erleben wir allerorten. Und es funktioniert nicht. Das Ende von Kohärenz und Eindeutigkeit in vielen Lebensbereichen ist unübersehbar, in den Medien, den sozialen Medien, in Politik und im beruflichen Lebensalltag. Wer anders Denkende, Beobachtende, Bewertende als Leugner, Kritiker, bestenfalls Querköpfe bezeichnet, verschärft lediglich die Gegensätze im Konflikt, schwächt sich zudem selbst als einseitig und voreingenommen. Hilfreich und entlastend wirkt das Diktums des Wahlschweizers: „Wir irren uns voran.“ 

Sprengers kompaktes, dichtes Buch besteht aus fünf Teilen: Klärungen, Mehrdeutigkeiten, 100 Seiten psycho-soziale Konflikte anschließend systemisch-soziale Konflikte und Führung. Übrigens ist das Layout sehr gelungen.

Es schwingt Altersweisheit nach fast 40 Jahren Berufserfahrung mit, wenn Reinhard Sprenger den Konflikt definiert als unterschiedliche Erwartungen negativ erlebt. Im Konflikt werden Erwartungen enttäuscht, wird der Konflikt zu einer Selbstbegegnung. Konflikte seien nie Sach- und immer Beziehungskonflikte und zwar in Form von Eigenwertkonflikten. Viel Stoff zum Nachdenken und für eine selbstkritische Bilanz. Folglich wird Konfliktfähigkeit zum konstruktiven Umgang mit permanenter Nicht-Übereinstimmung. Auch hier gilt: Nur selbst lesen und selbst denken erschließt den Text. Die Lesefreude wird erheblich sein. Viele Denkpausen werden nötig sein. Das Buch ist ein Gedankenspringbrunnen. 

Manches bleibt unverständlich oder erscheint (zunächst) wenig brauchbar. Dazu gehört bei mir das Enneagramm mit den 9 Gesichtern des Selbst und Gustav Jungs Schatten mit dem ungeliebten Doppelgänger im Kontrahenten – auch nach kritischer Selbstüberprüfung. Beides wirkt recht schubladig. Wie ist es mit kohäsiven Teams, mit Hochleistungsteams? Ist der Konflikt dort auch die Lösung? Gibt es mildere Stufen als den Konflikt, etwa produktive Perspektivenvielfalt, routinierte Widerrede? Was ist mit beflügelndem Gleichklang als Ergänzung, Unterstützung, Weiterentwicklung?

Besonders reserviert dürften Leser auf den hohen Anspruch reagieren. Konflikt als Lösung fordert uns heraus. Stellt Selbstgewissheiten in Frage. Löst einfache Dualitäten auf. Lädt Verantwortung auf. Macht Verhaltensänderungen notwendig. Anders funktioniert allerdings die proportionierlichste Bildung der Kräfte nicht. Wer wird, wer kann dem gerecht werden? Was ist wenn eine Seite will, die andere nicht kann? Hinzu kommt einmal mehr die treffende Einbettung der psycho-sozialen Perspektive in die institutionelle der Rahmenbedingungen. Da Institutionen wichtig sind, wird der Änderungsaufwand beträchtlich. Immerhin, jeder Schritt zählt, vielleicht auch der frustrierte.

Was bleibt? Vieles! Jede Menge Kommentare, Anmerkungen und das Bedauern, dass die Lektüre und ein mögliches produktives Streiten darüber eine Salonkultur erforderlich macht, die es derzeit nicht geben kann, und eine wiederholte Lektüre. Es bleibt auch die wunderbare Utopie, die uns den Weg weist: von der Konsens- zur Konfliktgesellschaft. Das ist zugleich die aufgeklärte Gesellschaft liberaler Menschen. Der Weg, der wird kein leichter sein.

Michael von Prollius

Reinhard K. Sprenger: Magie des Konflikts. Warum ihn jeder braucht und wie er uns weiterbringt, DVA, München 2020, 320 S., 24,00 Euro.

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