Herculaneum, Pompeji und die „richtige“ res publica

Beobachtung 1: Herculaneum war eine antike Kleinstadt am Golf von Neapel, die beim Ausbruch des Vesuv im Jahr 79 n. Chr. untergegangen ist – wie die größere und bedeutendere Nachbarstadt Pompeji.

Der Besuch der unter den Lavaströmen gut erhaltenen, archäologisch erschlossenen Stätte erscheint in folgender Perspektive bemerkenswert: Herculaneum war bis zur römischen Besetzung im Bürger- oder Bundesgenossenkrieg 89 v. Chr. eine eigenständige Stadt. 4.000 Einwohnern lebten von Fischfang, Landwirtschaft und Handwerk. Wohlhabende Römer bauten aufgrund der schönen Lage und Sommerfrische dort Villen. Die Stadt ist durch drei Straßen gegliedert, von denen die mittlere als Verkaufs- und die beiden äußeren als Versorgungsstraßen dienten. Eine gleichermaßen einfache und überschaubare wie praktikable Lösung.

Die Stadt besaß einen öffentlichen Platz, die Agora, auf der die Bürger zusammen kamen. Man kann sich lebhaft vorstellen wie die Menschen tatkräftig Anteil an ihrem Leben haben konnten, Teil der res publica waren, auf das für sie wirklich wichtige Leben vor Ort, in wirtschaftlichen, sozialen und politischen Fragen Einfluss nehmen konnten. Kleinheit, Rechenschaft vor Ort, Relevanz politischer Entscheidungen für die betroffenen Menschen durch fachkundige Repräsentanten könnten Hand in Hand gegangen sein.

Das ist relevant angesichts einer aktuellen Umfrage, nach der in Ostdeutschland fast 50% der Befragten und in Deutschland insgesamt fast ein Drittel der Befragten der Auffassung sind, in einer Scheindemokratie ohne Einfluss der Bürger zu leben.

Beobachtung 2: Pompeji war bis zu einem schweren Erdbeben im Jahr 62 n. Chr. bzw. bis zum Ausbruch des Vesuv im Jahr 79 n. Chr. eine prosperierende, wohlhabende Stadt. Neueren Schätzungen zufolge lebten dort 30.000 Menschen. Die Bewohner Pompejis profitierten von der günstigen Verkehrslage der damals am Meer gelegene Hafen- und Handelsstadt und von fruchtbaren Böden, die die Stadt aufgrund früherer Vulkanausbrüche umgaben.

Wie bei Herculaneum fällt der Marktplatz, die Agora oder das Forum, mit seiner Mischung aus privaten und öffentlichen Angelegenheiten als Lebensmittelpunkt ins Auge.
An der Nordseite liegt der Jupiter Tempel, am Horizont dahinter erhebt sich der Vesuv. 

An der gegenüber liegenden Südseite befanden sich drei Räume als separate Bauten, je einer für die das Rechtsarchiv, die beiden Bürgermeister und die Senatoren der Stadt.

Auf dem Forum wurden Volksversammlungen abgehalten. Gerichtsprozesse fanden in einer Basilika im Südwesten jenseits des Forums statt. Auf der linken, westlichen Seite befand sich eine antike „Shopping Mall“, eine Reihe von Geschäften, auf der rechten, ostwärtigen Seite u.a. ein Wollmarkt, der zum städtischen Wohlstand erheblich beitrug, eine große Wäscherei und im Macellum ein großer Lebensmittelmarkt. Das Forum war mit Marmor gepflastert. Tiere und Karren hatten keinen Zutritt. Eine Vielzahl von Geschäften befand sich in den benachbarten Straßen, die von Bürgersteigen gesäumt wurden und „Zebrastreifen“ besaßen, um trockenen Fusses die Straße überqueren zu können. Auffällig sind große Privathäuser, ein 20.000 Sitzplätze umfassendes Amphitheater und der noch vorstellbare Geruch von frisch gebackenem Brot, dass wie der Wein von den Hängen des Vesuv eine weithin bekannte Qualität besessen haben soll.

Bis zur Kaiserzeit bestimmten die führenden Männer der Stadt die Geschicke selbst. Wie überall dürfte die einflussreiche Gruppe nur eine überschaubare Zahl von vielleicht 20 bis 30 Männern umfasst haben. Der Stadtrat bestand aus Senatoren, die teilweise von der wahlberechtigten Bevölkerung gewählt wurden und sich vielfach mit ihrem Vermögen in das politische Amt einkauften. Gewählt wurden neben den beiden Bürgermeistern auf ein Jahr (Kollegium) auch die Leiter der Verwaltung (Aedilen). Auch hier drehte sich Politik um das, was die Menschen unmittelbar in ihrem Lebensalltag betraf.

Res publica meint die öffentliche Sphäre, den Bereich des gesellschaftlichen Lebens, in dem Menschen zusammenkommen, weil sie gemeinsame Probleme erörtern und lösen wollen. In der griechischen und römischen Antikekamen die Menschen tatsächlich zusammen, sie trafen sich und diskutierten (ekklesia, agora, forum). Längst ist diese öffentliche Sphäre virtueller geworden. Unverändert geht es um die Bündelung von Einzelinteressen (und widerstreitenden Ansichten) zu etwas Gemeinsamem, zu und in einer menschlichen Gemeinschaft. Durch eine Staatsbildung, auch in Form einer selbständigen Stadt,wird die menschliche Gemeinschaft und mit ihr die öffentliche Sache institutionalisiert.

Die res publica stellt eines zentrales Element der bürgerlichen Gesellschaft dar. Es gibt zu ihr keine Individual-Alternative (#Anarchokapitalismus) und keine bessere Problemlösungsinstanz auf einer übergeordneten Ebene (#(Non-)Zentralismus). Mit Cicero gilt: „Der Staat ist also die Sache des Volkes; das Volk aber ist nicht jede Vereinigung von Menschen, welche auf irgendeine Weise geschlossen wurde, sondern es ist diejenige Vereinigung einer Menschenmenge, welche basierend auf ihrer Übereinstimmung in den Rechtsvorstellungen und auf ihrer Gemeinsamkeit des Vereinigungsnutzens zusammengeschlossen wurde.“

In der res publica sind alle rechtlichen, politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Vorgänge zu verorten, die die Gemeinschaft betreffen. Das schließt Krieg und Frieden, innere Sicherheit und die Fortentwicklung des Rechts, aber auch die Diskussion über bestimmte Projekte ein, heuteetwa den Bau eines Flughafens oder Bahnhofs. Dort ist auch der Raum für die sogenannte öffentliche Meinung. Die gemeinsamen Vorgänge können nur gemeinsam gelöst werden, was zu einem politischen Verfahren, zur Politik führt. Politik bedeutet – nachdem das sachlich Notwendige prinzipientreu und rechtmäßig getan wurde – auch Kompromisse zu schließen, um widerstreitende Interessen stehen lassen zu können oder zu versöhnen.

Es ist (und war) in den höchstentwickelten Ländern naturgemäß sehr strittig, wie die res publica, die Sache des Gemeinwesens zu definieren sei. Offenkundig eröffnet einBürger ferne Zentralisierung und Hierarchisierung sowie eine angestrebte Egalisierung unterschiedlicher Lebenswelten in einem Reich, einer Nation, einer Union beträchtliche Machtpotenziale für die wenigen Herrschenden – zum Nachteil vieler Beherrschter. Das schließt einen nie zu sättigenden Zugriff auf enorme Ressourcen ein. 

Die Herausforderung der “richtigen” res publica ist zeitlos – sie gleicht einem Brunnen, der sich aus einem nicht versiegenden Quell speist und ständig umlagert wird.

  
   

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