Besser strategisch denken

Strategisches Denken ist heute nicht weit verbreitet. Strategisches Denken wird wie Wirtschaft nicht in der Schule unterrichtet. Statt Komplexität zu bewältigen geht es heute vielleicht mehr denn je um Effekte, Visuelles, Emotionen.

Martin Kornberger, Professor für Ethik an der Wirtschaftsuniversität in Wien und Gründer einer Unternehmensberatung während seiner Zeit in Australien, setzt an diesem Problem an und bietet eine doppelt klassisch fundierte Lösung: das Denken von Clausewitz und die Erkenntnisse des klassischen Management-Prozesses. Letzterer ist für mich persönlich mit Georg Schreyögg verbunden (Management und Organisation).

Der sehr gelungen gestaltete kompakte Band ist treffenderweise gesellschaftspolitisch aufgemacht, befasst sich aber weniger mit Reformen als mit einem angemesseneren Denken. Adressaten sind Führungskräfte in Unternehmen und Staatsbürokratie, Entscheider, Analysten und Menschen, die offen für kluge Einsichten sind.

Im Mittelpunkt steht die Erkenntnis, dass eine gute Strategie nicht aus der planvollen Realisierung der Trias Ziele, Mittel, Wege besteht, nicht aus dem bestmöglichen Planen und Einhalten des ausgeklügelten Plans. Stattdessen kommt es auf zwei Dinge an: 1. Die Strategie dient der Orientierung in allen Handlungslagen. 2. Die Strategie ist Teil der Befähigung zu selbständigem Handeln und baut darauf.

Beim Militär ist das planmäßige Strategieverständnis als Befehlstaktik bekannt, demgegenüber die flexiblere, situationsgerechte Auftragstaktik steht. In der Betriebswirtschaftslehre entsprechen dem Single Loop Learning, verbunden mit der Aufforderung bei Planabweichungen besser zu planen, was bei komplexen dynamischen Entwicklungen strukturell unmöglich ist, der Kritik am Management by Objectives, oder stattdessen das Nutzen der anderen Funktionen des klassischen Management-Prozesses, vor allem Organisation, Führung und Personaleinsatz. Beim Sport, etwa American Football, entspricht das der Befähigung zu Situational Football als Teil der Absicht, dem Gegner die Stärken zu nehmen.

Dreh- und Angelpunkt von Systemaufbruch ist die Erkenntnis, dass die Zukunft in Systemen und einer Umwelt, die durch starke Veränderlichkeit und hohe Komplexität gekennzeichnet ist, weitgehend unbekannt bleiben muss und daher unmöglich geplant werden kann: „Weil strategisches Denken in linearen Kausalketten auf eine nicht lineare, vernetzte Wirklichkeit trifft, in der kleinste Abweichungen größte Auswirkungen haben.“ Die Alternative ist Strategie als Brücke zu verstehen (Colin Cray) zwischen taktischem Handeln und dem Zweck, dem Sinn, am Nordstern, wie es Martin Kornberger in Anlehnung an John Stuart Mill nennt, an dem sich kollektives Handeln orientiert.

Wäre das heute Standard bei unseren Entscheidern, dann wäre uns ein Fiasko vielfach erspart geblieben. Das gilt für den Auslandseinsatz in Afghanistan, für die Corona-Politik und für viele unternehmerische Strategien, die wie der Aufstieg und Fall von Blackberry thematisiert werden.

„Strategie in Zeiten radikaler Unsicherheit“ ist das Lesen und Nachdenken darüber wert. Es gehört auf viele Schreibtische – nach der rasch möglichen Lektüre, die durch viele historische Lektionen und gelungene Formulierungen geprägt sein wird.

Die Lektionen sollten guten Militärs und Unternehmenslenkern bekannt sein und dürfen wiederholt aufgefrischt werden. Agiles Arbeiten ist Ausdruck des Lobs der Taktik und einer „Strategie die die Funken fliegen lässt und sie in einer konsistenten, hellen Flamme vereint“, wie Martin Kornberger schreibt. Für Liberale ist die „minimale kollektive Ausrichtung bei maximaler individueller Flexibilität“ selbstverständlich, bei der weit überwiegenden Masse der Menschen also nicht. Es wird Zeit das Maschinendenken durch Netzwerkdenken zu ersetzen. Dafür leistet der Essay Systemaufbruch einen lesens- und bedenkenswerten Beitrag.

Martin Kornberger: Systemaufbruch. Strategie in Zeiten radikaler Unsicherheit. Die Wiederentdeckung von Clausewitz, Murrmann Verlag 2022., 151 S., 20,00 Euro.

  
   

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