Politische Geschichten bestimmen unser Leben

Spätestens seitdem Menschen begannen, sich am Lagerfeuer zu wärmen, erzählten sie Geschichten und liebten es Geschichtenerzählern zuzuhören. Das hat sich bis zu den sozialen Medien heute nicht grundlegend verändert, wenn auch die Feuer vielleicht an anderer Stelle brennen und die Geschichten kürzer geworden sind. Inzwischen wird ein Großteil der Geschichten, die unser eigenes Leben erheblich beeinflussen und die unser gesellschaftliches Zusammenleben formen, nicht mehr erzählt. Es handelt sich um mentale Modelle, mit denen wir auf die Welt blicken und die vielfach aus Geschichten entstanden sind. Dazu gehören Maxime wie: Leistung lohnt sich. Die Regierung kümmert sich um das Gemeinwohl. Für Bildung ist der Staat verantwortlich. Gier hat die Finanzkrise verursacht.

Michael Müller, Professor für Medienanalyse und -konzeption an der Hochschule der Medien in Stuttgart, hat sich grundlegend mit dem Thema politische Geschichten erzählen (Storytelling) auseinandergesetzt. Sein kompakter Band „Politisches Storytelling. Wie Politik aus Geschichten gemacht wird“ soll als ein Beitrag zur Rettung des öffentlichen Diskurses verstanden werden. Michael Müller hält sinnstiftende Zukunftserzählungen für erforderlich, die von politischen Parteien und Bewegungen der Mitten stammen sollten. Dem gleichermaßen wissenschaftlich fundierten wie engagierten Beitrag liegt selbst ein Narrativ zugrunde. Früher hätte man von Weltsicht, Weltbild oder Weltanschauung gesprochen.

Trotz Definitionsversuchen bleiben die Begriffe Narrativ und Storytelling unscharfe Anglizismen. Kommunikation zeichnet sich seit Aristoteles dann durch Narrativität aus, wenn sie Anfang, Transformationsakt und Ende besitzt. Geschichten erzählen konkrete Erlebisse von konkreten Figuren entlang einer Struktur. Politisches Storytelling meint das Nutzen von Geschichten im politisch-gesellschaftlichen Bereich. Narrative lassen sich mit Michael Müller als Muster begreifen, mit denen wir unsere Erfahrungen erklären. Stets bleiben Erzählungen Zeitpunkt gebunden und selektiv.

Bemerkenswert bleibt: „.. Narrative definieren die Glaubenssätze und Grundüberzeugungen einer Kultur, einer Gesellschaft, sie drücken unsere Erklärungen aus, wie etwas wird, woher etwas kommt und wie Dinge zusammenhängen.“ Hinzu kommt eine zeitlose Erkenntnis, die auch den viel kritisierten Echokammern zugrunde liegen dürfte: „Die Menschen wollen an ein Narrativ glauben und suchen dann nach Belegen.“ Bei Michael Müller sind das z.B. bedrohliche Rechtspopulisten, der Menschen gemachte Klimawandel und wahr ist, was die Masse der Wissenschaftler sagt.

Machtpolitisch und ideologisch interessant erscheinen zeitlose Muster, darunter vor allem: Früher war alles besser (die Gegenwart ist negativ). Heute ist alles besser, seht was wir erreicht haben (negative Vergangenheit, positive Gegenwart). Es ist noch mal gut gegangen (Krise bewältigt). Ergänzend: Es geht bergab (negative Zukunft).

Liberalen dürfte mit ihrer Staatskritik als Contra-Geschichte eine überzeugende Pro-Geschichte fehlen an die Menschen glauben können und glauben wollen. Etatisten haben mit dem Narrativ der sozialen Gerechtigkeit eine verfänglichere Geschichte. Stets gelte, Fakten und Argumente greifen bei denen, die dafür offen sind. Das dürfte im Übrigen auch für (politische) Geschichten gelten. Wer hier innehält, der sieht Verschwörungstheorien zunächst als andere Narrative an und erkennt im Nationalismus, Sozialismus, Wohlfahrtsetatismus und anderen Kollektivismen über Krankheit und Umwelt Großerzählungen. Der Liberalismus ist eine andere Geschichte.

Michael Müller bietet 10 Empfehlungen für politisches Geschichten erzählen, darunter zuhören, inklusiv erzählen und aus mehreren Perspektiven. Ferner vollständig, wahr und so oft wie möglich erzählen. Wie ein Appell erscheint seine Forderung, Räume für politisches Erzählen zu ermöglichen. Ob das für alle politischen Gruppen gilt?

Wenn man mit Christopher Coyne und Abby Hall erkennt wie sehr die US-Regierungen allein in der Außenpolitik systematisch, vielfach verdeckt und insgesamt nicht planmäßig Propaganda betrieben haben und betreiben, zugleich kaum jemand diese auch nur ansatzweise erkennt, dann wird deutlich wie wichtig es ist, den narrativen Prozess der politischen Meinungsbildung kritisch zu betrachten. Liberalen liegt das im Blut.

 

Literatur: Michael Müller: Politisches Storytelling. Wie Politik aus Geschichten gemacht wird (Schriften zur Rettung des öffentlichen Diskurses 2), Herbert von Halem Verlag, Köln 2020, 163 S., 18,00 Euro.

  
   

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Kolumne zu großen Themen des Liberalismus und großen Gegnern.

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