Reflexionen eines politisch Unkorrekten

Wer die Autobiographie von Gerard Radnitzky (1921-2006) liest, erfährt exemplarisch was einen Freigeist und Freiheitskämpfer im 20. Jahrhundert ausmacht. Radnitzky hat dabei erklärtermaßen den Weg eines „débrouillard“, eines Schlängelanten, gewählt. Im Jahrhundert des Staates war dies eine erfolgreiche Überlebensstrategie, denn die dunkle, aber wesenseigene Seite des Staates äußerte sich auch für ihn spürbar in Form von Krieg und Vertreibung, Massenmord und Enteignung sowie dem schleichenden Entzug der Grundrechte. So setzte sich Radnitzky mit einem Flugzeug vor Kriegsende nach Schweden ab, wo er ein neues Zuhause fand und seine internationale akademische Karriere begründete. Zuweilen half ihm eine innere Emigration, etwa nach seiner Rückkehr in die Bundesrepublik Deutschland. Entscheidend dürfte jedoch seine ausgeprägte individuell-freiheitliche Wertehaltung gewesen sein.

Seine Erinnerungen konzentrieren sich auf die erste, nicht-akademische Lebenshälfte Der spätere Philosoph und Wissenschaftstheoretiker begann als jugendlicher Playboy und wurde dann Kampf- und Jagdflieger in der Wehrmacht. Fesselnd sind seine episodenhaften Einsatzschilderungen, die vielfach darin bestanden, sich bei Kriegsteilnahme dem Krieg gleichzeitig zu entziehen.

Das Buch erreicht sein Ziel, eine „Hilfe gegen die Geschichtstheologie der öffentlich-rechtlichen Medien und der veröffentlichten Meinung“ zu bieten. Von unserem herkömmlichen Geschichtsbild bleibt wenig übrig: Die Tschechoslowakei war ein lebensunfähiges Diktat der Siegermächte, Hitler einer von mehreren Verbrechern, darunter insbesondere Churchill, der mit seinem Luftkriegsterror gezielten Massenmord beging, zudem politisch ein eher Linker als Rechter. Dem Hess-Flug lag ein einseitiger Friedenswille zu Grunde.

Entrüstet ist Radnitzky über das bundesdeutsche Befreiungsdogma. Zeitlos aktuell ist seine Argumentation, dass wir der Gesellschaft nichts verdanken und schulden. Denn anders als fiktiven Konstruktionen gesellschaftlicher Verträge gehen wir durch Tauschbeziehungen echte Verträge ein. Nach deren Erfüllung sind wir quitt.

Wiederholungen und manche krasse Andeutung zeigen, dass das Alterswerk nicht aus einem Guss ist. Aber die Verzahnung von Makro- und persönlicher Mikrogeschichte aus konsequent unabhängiger, freiheitlicher Perspektive bereichert.

Gerard Radnitzky: Das verdammte 20. Jahrhundert. Erinnerungen und Reflexionen eines politisch Unkorrekten (Georg Olms Verlag), Hildesheim u.a. 2006, 353 S., 19,80 €.

P.S. Prägnante Auszüge aus dem Buch lassen sich hier rasch lesen und länglich bedenken: https://drive.google.com/file/d/1G90ZLigrOBhMbpmoxcbfcNqNukiytVek/view

P.P.S. Der Text ist eine aktualisierte Fassung meiner Besprechung aus dem Jahr 2008.

  
   

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