Der vermeintliche Deismus des Liberalismus

Vertretern des klassischen Liberalismus wird ein Deismus, ein gleichsam göttlicher Glaube an die natürliche Funktionsfähigkeit einer freiheitlichen Ordnung unterstellt.

Die Vorwürfe von Sozialdemokraten aller Couleur, aber auch Dreiviertel- und anderen Bindestrichliberalen, richten sich gegen eine unterstellte Ordnungsvorstellung. Kritisiert werden die zuweilen als “Paläoliberale” (Alexander Rüstow) bezeichneten konsequenten Vertreter des methodologischen Individualismus im Wesentlichen wegen ihres unbeirrten Eintretens für eine unpersönliche Form der sozialen Koordination menschlicher Aktivitäten.

Die Kritik hat drei Facetten, die letztlich von dem Zweifel zusammen gehalten werden, dass eine wirklich freie Kooperation von Individuen gesellschaftlich gute Ergebnisse zeitigen könne und alternativen Ordnungen, insbesondere staatlicher Lenkung, überlegen sei:

Erstens könne eine schrankenlose Ordnung mangels Schutz durch Gesetzte nicht bestehen, da diese die Konzentration von Macht und Ausbeutung der Beherrschten nach sich ziehe (Stichwort: Anarchokapitalismus, in Deutschland auch libertär/Libertarismus).

Zweitens sei zu bezweifeln, dass ein ex ante behauptetes bestes (Kooperations-)Ergebnis menschlichen Handelns einer gleichsam natürlichen Ordnung entspreche.

Drittens sei die natürliche Ordnung eine Chimäre, da die angenommene Evolution sozialdarwinistische Züge trage (siehe erstens) und somit unsozial sei oder/und staatliche Planung zumindest punktuell eine bessere gesellschaftliche Entwicklung ermögliche.

Unterschwellig schwingen diese Vorwürfe in populistischen Parolen mit, die den so genannten Manchester Kapitalismus angreifen, das Laissez faire Ideal des vermeintlichen Nachtwächterstaates im 19. Jahrhundert kritisieren oder die Metapher der unsichtbaren Hand zu desavouieren suchen.

Ad 1: Der Vorwurf der Gesetzesfreiheit beruht auf Unwissenheit und geht somit ins Leere. Schon Adam Smith betonte: “Durch Recht und Staat blühen all die verschiedenen Tätigkeiten“. Die Herrschaft des Rechts (Rule of law) bildet gerade für klassische Liberale von Adam Smith bis Friedrich August von Hayek die alternativlose Voraussetzung für eine Ordnung der Freiheit. Erst eine Verfassung der Freiheit vermag das Recht des Stärkeren durch die Stärke des Rechts abzulösen. Eben dieser Freiheitskampf gegen die Herrscher in ihren wechselnden Gewändern, ob als Fürsten, rote und braune Diktatoren oder wohlfahrtsstaatliche Volksvertreter und Bürokraten, währt seit der Aufklärung. Unverändertes Ziel echter Liberaler ist die Gleichheit aller vor dem Recht und die Zurückdrängung des in Gesetze gekleideten wohlmeinenden staatlichen Zwanges in Richtung eines Minimalstaates. Ausgangspunkt ist die Forderung, die Freiheit des Einzelnen zum Ausgangspunkt aller weiteren Folgerungen zu machen.

Ad 2: Klassische Liberale haben nicht – wie von Laissez-faire Kritiker irrtümlich unterstellt – die Institutionen bildende Kraft des kooperativen Individualismus hervorgehoben, weil sie die Einigung über gemeinsame Ziele und eine maximale Gesamtwohlfahrt voraussetzen. Vielmehr begreifen sie diese Kooperation als vorläufiges gelungenes Ergebnis sozialen Handelns, welches ausdrücklich Irrtum und Versagen als Möglichkeit einschließt. Nichtwissen wird im klassischen Liberalismus so zur Tugend. Versuch – Irrtum – verbesserter erneuter Versuch im Wettbewerb als Entdeckungsverfahren zum Prinzip. Die Gesellschaft insgesamt ist somit das Ergebnis von Human action, nicht aber Human design. Das liegt nicht zuletzt daran, weil Kooperation nicht aus der vernunftgemäen Einsicht aller Beteiligten erzeugt werden kann.

Ad 3: Staatliche Planung in all ihren interventionistischen Facetten birgt für klassische Liberale stets das Problem der Anmaßung von Wissen. Das heute erneut fälschlich als “sozial” bezeichnete Agieren des Staates ist in Wirklichkeit die Umverteilung von Eigentum durch Zwang von einer Gruppe zu einer anderen. Dabei beuten Politiker und Bürokraten, gesellschaftlich betrachtet gleichsam oligarchisch, im günstigen Fall gestützt auf prekäre (demokratische) Mehrheitskonstellationen, die jeweiligen Minderheiten oder Mehrheiten aus. Noch ihr Versagen wird umgedeutet: Die sozialen Missstände des späten 19. Jahrhunderts werden als liberales Versagen gebrandmarkt, obwohl diese ja gerade einer Abkehr vom klassischen Liberalismus und dessen Forderung nach einer Herrschaft des Rechts geschuldet waren.

Die als Humanisten bezeichneten Dreiviertelliberalen Alexander Rüstow und Wilhelm Röpke haben zu Recht darauf hingewiesen, dass eine Ordnung der Freiheit einschließlich ihrer ökonomischen Teilordnung, die Marktwirtschaft, soziologische Rahmenbedingungen erfordert, die sie stützten. Für das Ausmaß dieser geistigen und materiellen Grundlage gibt es jedoch kein absolutes Maß. Sie werden, auch unter Liberalen, umstritten bleiben.

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