Totalitäre Verwirrungen

Gastbeitrag von Nils Rieckmann

Der politische Diskurs ist immer ein Kampf, mindestens verbal. Sieht man Sprache als einen Ausdruck von Macht, so ist die Hoheit über die Begriffsdeutung ein Schlüssel zur Hegemonie innerhalb des Diskurses. Der amerikanische Politikwissenschaftler und Konfliktforscher Ole Holsti gelangte in seiner Untersuchung linksradikaler und rechtsradikaler Theorien in den internationalen Beziehungen zu interessanten Erkenntnissen:

Zwar blieben für ihn unüberbrückbare normative Unterschiede bestehen, aber das lineare Links-Rechts Paradigma verwarf er aufgrund zu hoher Schnittpunkte. In dem Artikel[1] auf den ich mich beziehe führte er zwei Gemeinsamkeiten aus:

1. Beide Theorien erscheinen als unfalsifizierbar (Empirischer Kritik nicht zugänglich)

2. Beide weisen methodologische Defizite auf.

Der realexistierende Linksradikalismus und realexistierende Rechtsradikalismus seien beides nach innen geschlossene Denkgebilde, die zur Erklärung konkreter politischer Geschehnisse extrem flexibel sind und mit Argumentationsbausteinen wie „Langzeitstrategie mit verschiedenen dialektischen Phasen“ oder mit zweierlei Maßstäben sich empirischer Kritik entziehen. Methodologisch greift man gern auf unsaubere Quellenführung und aus dem Kontext gerissene Fakten, wie Zitate, zurück. Alles muss in das Schema der eigenen Ideologie gepresst werden.

Nun kennen wir alle die kognitive Dissonanz, auch ich habe mich schon in Ideologien verloren und werde es auch weiter tun, aber langfristig meine ich nie im selben Zirkelschluss hängen geblieben zu sein. Elementar ist dafür der Respekt vor jedem Individuum, dass einem keine Gewalt entgegenbringt. Nur so kann man m. E. offen bleiben für Argumente anderer. Eine der wenigen Wahrheiten meines noch jungen Lebens ist: Der Mensch irrt, solang er strebt.

Befindet man sich politisch an einer der Spitze des politischen Dreiecks, wie Hayek es konstruiert hat, ist man m.E. besonders anfällig für ein geschlossenes Gedankengebäude, weil der Radikale keine Anziehung zu anderen Ecken mehr hat, wie es bei einer Mischposition im Dreieck der Fall ist – ein Schwarz Weiß Denken entsteht.

[2]

Ich komme nun zum eigentlichen Anlass meines Artikels, wo mir die kognitive Dissonanz eines Linken geradezu ins Auge springt und wobei Olstis Thesen sich bestätigen. Tilo Jung setzt in diesem Twitter Dialog Böse mit Rechts gleich. Mit seiner Behauptung autoritär = rechts begibt er sich auf Eis, das so dünn ist, dass der Einbruch bereits determiniert erscheint.

[3]

An dieser Stelle zitiere ich Sebastian Müller: „Spätestens nach Thüringen meint man, die Republik bestehe nur noch aus Menschenfreunden und Unmenschen, Demokraten oder Nazis.“[4]

Für Tilo Jung sind einfach alle schlimmen Diktaturen der Menschheitsgeschichte scheinbar rechts gewesen. Links = gut, Rechts = Böse. Was folgt daraus? Alles rechts von der SPD ist böse? Und wer hat die Definitionshoheit?

Gebe ich bei google scholar: „German Democratic republic facism“ ein, bekomme ich 139.000 Ergebnisse[5]. Wenn ich mir allerdings die ersten drei Treffer anschaue, so lässt sich bei den ersten beiden erkennen, dass der Algorithmus auf „Anti-Facism und „anti-facist“ reagiert hat. Beim dritten Beispiel hat das Wort „German“ ausgereicht als Faschismus Bezug. Gebe ich allerdings „German Democratic republic socialism“ ein, bekomme 370.000 Treffer ohne, dass ein „anti-socialism“ mir als Auslöser ins Auge springt.[6] Bei meinem Zugang zu wissenschaftlicher peer-reviewed Literatur DeepDyve liegt das Verhältnis bei 150 zu 1456.[7]

„Die Wissenschaft“ scheint also die DDR eher mit linksradikaler Ideologie als mit rechtsradikaler Ideologie in Verbindung zu bringen.

Hier landen wir beim angesprochenen totalitär verwirrten/irrationalem Denken, wo mit zweierlei Maß gemessen wird, in diesem Fall linker Prägung. Wenn es um die sozialwissenschaftliche Einordnung der DDR geht, scheint Tilo Jung die Wissenschaft keine über eine Meinung hinausgehende Tatsache zu liefern. In seinem Gespräch mit dem Afd Politiker Kablitz beruft er sich allerdings auf die Wissenschaft. Der menschengemachte Klimawandel sei „keine Meinungssache“, sondern die „wissenschaftliche Erkenntnis.“[8]

In den Aufbruch des Antitotalitären Konsenses in der deutschen Gesellschaft, der mit der Wahl von Bodo Ramelow unter der mithilfe der CDU seinen Höhepunkt erreicht, fügt sich Tilo Jungs Tweet und seine Popularität als Journalist nahtlos ein. Als FDP Politiker, besonders Thomas Kemmerich nach seiner Wahl, bedroht wurden,[9] war das autoritär, also rechts?!

Wenn Linksradikale demokratische Rechte angreifen, wäre das dann auch rechts? Der Kampf gegen Rechts wäre Rechts, welche Absurdität.

Ähnlich heuchlerisch erscheint mir bei vielen Linksradikalen der Ausspruch: Kein Mensch ist illegal. Hätten Faschisten in einer solchen linkradikalen Gesellschaft einen legalen Status? Natürlich nicht, aber viel entscheidender, was würde denn aus Liberalen und Konservativen werden?  Würden Sie nützlicher Arbeit zugeführt werden? Wie es ausgehen würde, wissen wir natürlich nicht, schließlich hat die Menschheit bisher nur Rechte und nicht linke Diktaturen ausprobiert.

Schluss mit der Ironie: Sowohl Rechts- als auch Linksradikale können in Deutschland aufgrund des Konzeptes der wehrhaften Demokratie nicht immer mit offenen Karten spielen. Betrachten man allerdings die getroffenen Aussagen[10] auf der Strategietagung der Linken in Kassel erkennt man die Fratze des Totalitarismus hinter der Maske des „demokratischen Sozialismus.“

Als der ehemals überzeugte Kommunist Howard Fast die Kommunistische Partei Amerikas 1959 verließ, kam er geläutert zu der Erkenntnis: „Never again will I be able to accept as just in a socialist regime what I know to be unjust somewhere else.“[11] (Niemals wieder werde ich dazu in der Lage sein, etwas als gerecht in einem sozialistischen Regime zu akzeptieren, wovon ich weiß, dass es in einem anderen Kontext ungerecht wäre. In diesem Sinne…


[1] Vgl. Ole R. Holsti: The Study of International Politics Makes Strange Bedfellows: Theories of the Radical Right and the Radical Left, In: The American Political Science Review, Vol. 68, No. 1 (Mar., 1974), pp. 217-242.

[2] Grafik selber erstellt.

[3] Twitter Screenshot entnommen von: Boris Reitschuster: Die neue Rechte: Stalin und Mao, 19.2.2020, https://www.reitschuster.de/post/neue-rechte, abg. am 8.3.2020.

[4] Sebastian Müller: Im Geiste des Bürgerkrieges, 21.2.2020, https://makroskop.eu/2020/02/im-geiste-des-buergerkriegs/, abg. am 8.3.2020.

[5]https://scholar.google.com/scholar?hl=de&as_sdt=0%2C5&q=German+democratic+republic+socialism&btnG=,abg. am 8.3.2020.

[6] https://scholar.google.com/scholar?hl=de&as_sdt=0,5&q=German+democratic+republic+fascism, abg. am 8.3.2020.

[7] https://www.deepdyve.com/search?query=German+democratic+republic+socialismhttps://www.deepdyve.com/search?query=German+democratic+republic+fascism, abg. am 8.3.2020.

[8] Zitiert aus: Jung und Naiv: AfD-Spitzenkandidat Andreas Kalbitz – Jung & Naiv: Folge 423 | Wahl in Brandenburg, 21.7.2019, https://www.youtube.com/watch?v=A5y_3-SucPQ, abg. am 8.3.2020.

[9] Anonym: Süddeutsche Zeitung (online), 10.2.2020, Fhttps://www.sueddeutsche.de/politik/fdp-thueringen-kemmerich-uebergriffe-1.4791654, abg. am 9.3.2020.

[10] Boris Reitschuster: Mischung aus Leninismus, Scientology und Esoterik-Seminar, 4.3.2020, https://www.reitschuster.de/post/eninismus, abg. am 9.3.2020.

[11] Howard Fast on leaving the Communist Party. Entnommen: Marquis, Lucian C.: DIsillusionment: Left and Right, In: Western Political Quarterly, Volume 15 (3): 3 -Sep 1, 1962, https://www.deepdyve.com/lp/sage/disillusionment-left-and-right-OOwCz1DAQy?articleList=%2Fsearch%3Fquery%3DLeft%2Band%2Bright%2Btotalitarianism.

 

Quelle: zuerst veröffentlich auf dem Blog piratensender.

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George Buchanan (1505-1582): Dialogue concerning the rights of of the Crown of Scottland, englische Übersetzung von 1799, London, 143.