Vom Wesen der Revolution

Was kennzeichnet Revolutionen? Wie entstehen und verlaufen sie? Handelt es sich um massenhafte Erhebungen gegen Missstände? Werden Revolutionen erfolgreich initiiert und realisiert? Antworten auf diese und viele weitere Fragen gibt der vorliegende Band, entstanden aus der dritten Carl-Schmitt-Vorlesung „Der bedrohte Leviathan“, gehalten von Jörg Baberowski im Oktober 2016 im Tieranatomischen Theater der Charité in Berlin. Es handelt sich um einen „Versuch, die Revolution als ein eruptives Geschehen zu verstehen“. (9)

Der Osteuropahistoriker erörtert das Phänomen Revolution in machtpolitischer Perspektive sowohl dominierend grundlegend philosophisch als auch illustrierend angewandt auf das historische Phänomen der russischen Revolution. Als Theoretiker der Macht bilden Carl Schmitt und vor allem Heinrich Popitz, daneben Hannah Arendt und Odo Marquardt das analytische Fundament. Nachfolgend werden Erkenntnisse über das Phänomen Revolution im Vordergrund stehen.

Neun Kapitel strukturieren den Text. Dazu gehören die Augenblicke, die den Gang von überkommener Ordnung zu Revolution und zur Reorganisation von Ordnung kennzeichnen. Am Ende steht eine Erörterung der souveränen Diktatur mit ihrer Nähe zur Tyrannei sowie die Erkenntnis, dass Revolutionen sich nicht lohnen, weil die Opfer den Nutzen übersteigen und die Neuordnung viele Elemente der zu überwindenden alten in sich trägt.

Wer mit Jörg Baberowski das Wesen von Revolutionen erhellen möchte, der kommt um folgende Begriffe und Perspektiven nicht herum: Macht, Herrschaft, Souverän – zugleich Staatsschwäche, Ordnung und Recht, freiwillige Unterwerfung, aber auch der Mythos der Demokratie und des Sozialvertrags. Nach meinem Eindruck sind das sehr aktuelle und aktuell sehr gemiedene Zugänge, um den Zustand Deutschlands und des Westens insgesamt zu analysieren.

Es lohnt sich einige wesentliche Feststellungen per Aufzählung herauszugreifen:

    • Revolutionen brechen nicht aus, weil irgendjemand unzufrieden ist, sondern weil die, die etwas wollen, es auch können und es tun. Die Zersetzung der Staatsmacht ist mit Hannah Arendt eine Voraussetzung für das Gelingen einer Revolution. Die Nachfolge ist bei personenzentrierter Herrschaft ein Dreh- und Angelpunkt von Macht und Herrschaft.
    • Die russische Revolution wurde von niemandem vorhergesehen, auch nicht von den Revolutionären, Die Staatsmacht handelte kopflos und entscheidungsavers. Ein schwacher Leviathan, eine Staatsführung ohne Staatsgewalt machte sich zum Opfer. Die russische Revolution im Oktober 1917 war ein geräuschloser Umsturz ohne Mobilisierung.
    • Die Masse kann nicht handeln. Hingegen tun das kleine und gut organisierte Gruppen mit einem Anführer; sie bemächtigen sich der Masse, sie formen, sie lenken. Minderheiten diktieren stets Mehrheiten ihren Willen. Die Wenigen geben ihrem Willen eine Organisation (Solidaritätskerne) – das ist ihre Stärke.
    • In der Krise ist souverän, wer über den Ausnahmezustand entscheidet und damit der, der die Macht ergreift und rücksichtslos für seine Zwecke nutzt.
    • „Leben heißt sich in Machtverhältnissen einzurichten.“ (28) Es gibt keinen machtfreien Raum, zumal stets jemand entscheidet, gehorcht, in Hierarchien eingebunden ist.
    • Nicht Ideen, sondern die ergriffenen Möglichkeiten des Augenblicks entscheiden über Entwicklungen und deren Ausgang – somit über Sieg und Niederlage.
    • Macht entlastet von Entscheidungen, produziert Konsens, schafft in verstetigter Form Ordnung, führt zu Autorität, die auf Gewalt verzichten kann. „Macht gründet sich auf Versprechen und Drohungen, Autorität auf Bewährung.“ (35)
    • Ein in der Neuzeit entstehender Machtfaktor ist die Bürokratie, die als Herrschaftsinstrument und Garant von Ordnungssicherheit wirkt und auch Zäsuren überdauert.
    • „Herrschaft ist institutionalisierte Macht.“ (44) „Das Volk braucht Trost und Zuversicht, es braucht den Mythos, nicht die Wahrheit.“ (45) Man unterwirft sich Herrschaft, weil man diese als Ausdruck des eigenen Willens versteht.
    • Mit Nietzsche, Jacob Burckhardt und James Scott sind nicht Vertrag und Übereinkunft, sondern Zwang und Gewalt die Ursprünge des Staates. Der Staat ist in der Geschichte ein Instrument der Unterdrückung, der Repression und eine Anstalt zur Sammlung, Konzentration und Kontrolle von Menschen. Ohne den Staat hätten viele Menschen ein besseres Leben führen können. Nach dem Ersten Weltkrieg verwandelte sich der Staat in ein „Instrument der Massenmobilisierung, der Wirtschaftslenkung, sozialer Wohlfahrt und Kontrolle. Nun war er überall.“ (52)
    • Revolutionen sind große Zerstörer, bringen meist nicht weniger autoritäre Zustände, werden gefolgt von einer Verstetigung, die den Mythos der Versöhnung nutzt, vom Bemühen um Herkunft und Tradition zur Legitimation von Herrschaft gekennzeichnet ist und die Einsicht, schwerlich dauerhaft im revolutionären Zustand leben zu können, in dem jederzeit alles durch alle bedroht sein kann.

Jörg Baberowski halt als einer der bemerkenswerten Intellektuellen unserer Zeit stets etwas Substanzielles zu sagen. Während den Universitäten zunehmend ein trostloser Gefühls- und Gesinnungsautoritarismus anhaftet, wie der Hochschulprofessor selbst beklagt, nutzt Baberowski als Historiker, Philosoph und Selbstdenker hier Carl Schmitt und andere Theoretiker der Macht, um auch nach über 100 Jahren noch Einsichten in das Wesen insbesondere der russischen Revolution zu erlangen.

Das leichthin vergessene, vielleicht verdrängte Thema könnte schneller aktuell werden als manch einer sich das bisher vorgestellt hat. Das ist zugleich ein Wesensmerkmal eines labilen Leviathans.

Wir leben in einer Übergangsphase in eine neue Epoche. Ob das auch den Staat betrifft?

 

Literatur: Jörg Baberowski: Der bedrohte Leviathan. Staat und Revolution in Russland, (Carl-Schitt-Vorlesungen Band 3) Duncker & Humblot, Berlin 2021, 126 S., Euro.

Weiterer Text zur Macht auf FFG: Kleine Philosophie, eher Soziologie der Macht

  
   

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