Lob des Reichtums

Die Reichen sind in der Defensive. Zusammen mit ihrem Kapital stehen sie am Pranger. Das ist regelmäßig der Fall und aktuell erneut, nicht nur als SUV-Fahrer. In Deutschland scheint eine zyklische Anfeindung des raffgierigen, verschwörerischen Finanzkapitals möglich. Von der Anfeindung ausgenommen sind Stars und Sternchen in Gala, Bunte, Klatsch-TV, darunter Sportler und Musiker sowie Milliardäre, die ins All fliegen oder eine Fabrik für Batterieautos bauen. Dort, wo Unkenntnis, Emotionen und impulsives Handeln zusammenkommen, wird es immer wieder gefährlich. Das gilt nicht nur für Autos aus der Mittelschicht. Reiche wurden Opfer von Terrororganisation wie der RAF und von menschenverachtenden Regimen. Bereits mittelfristig treffen das Schmähen und Usurpieren des Kapitals die Massen und sei es als Opfer von Enteignungen, die auf vermeintliche Miethaie zielen.

Gegendarstellung

Insofern ist es überfällig, dass sich wohlhabende Menschen äußern, wenn nicht wehren. Man darf so weit gehen und es als Schande ansehen, dass in einem Verbotsstaat mit Verbotsparteien, niemand öffentlich Partei ergreift für die schützenswerte Minderheit der Vermögenden, der Unternehmer, der Kapitalisten, die mit ihren Produkten, Dienstleistungen, Arbeitsplätzen und Produktivitätssteigerungen jeden Tag mehr für das Gemeinwohl leisten als es einer NGO möglich wäre. Spätestens seit der Finanzkrise, dem problematischen Gebaren einzelner hoch bezahlter Manager, die Top-Angestellte, aber keine Eigentümer sind, und dem durch die Zentralbanken aus den Fugen geratenen Finanzkorporatismus, haben es wohlhabende Menschen erneut schwer. Die grassierende Gleichheitsneurose wirkt als Akzelerator.

Wer „Vermögen bedeutet Verantwortet“ liest, der bekommt gleich mehrere abweichende Perspektiven geboten, die nicht den verbreiteten Vorurteilen über das Luxusleben der Reichen entsprechen. Das gilt sowohl für die Vielseitigkeit und Vielschichtigkeit der Fragen und Antworten, die die Herausgeber mehr als 20 überwiegend namentlich genannten, sehr wohlhabenden Menschen im deutschsprachigen Raum gestellt haben. Als auch für die ethische Dimension. Wenn eines deutlich wird, dann wie nachdenklich und reflektiert die Wohlhabenden mit ihrer Situation umgehen.

Realität besser als Ideologie

Dazu passt, der Unterschied zwischen „Fernbild und Nahbild“ (120), d.h. die Änderung der Meinung über Wohlhabende sobald man diese persönlich kennt. Während Umfragen in Deutschland negative Meinungen über die vermeintlichen herausragenden Eigenschaften von anonymen Reichen reproduzieren – egoistisch, materialistisch, rücksichtslos, gierig und überheblich, ändert sich das schlagartig durch persönliche Kennverhältnisse. Menschen, die Millionäre kennen, schreiben ihnen primär positive Eigenschaften zu: fleißig, intelligent, einfallsreich, optimistisch und weitblickend.

Liberale Leser, die das Buch und die Haltung der Vermögenden schätzen, es handelt sich fast durchweg um Unternehmer, können zwei Schwächen oder Verbesserungsmöglichkeiten ausmachen: kleinlaute Defensive und fehlende Einblicke in den Arbeitsalltag.

    1. Offensiv werben: Wenn die Menschen mit Vermögen weithin vernehmbar für Wohlstand und ihr Vermögen, die Welt zu verbessern, eintreten würden, wäre das für Wirtschaft und Gesellschaft wertvoll. Das könnte und sollte an die Stelle der bisher praktizierten kleinlauten Defensivhaltung der Reichen treten. An Geld für Agenda Setting und Kampagnen dürfte es genauso wenig mangeln wie an Kontakten und Findigkeit. Politik wird heute wesentlich über Kampagnen beeinflusst. Ein Imagewandel ist nicht nur für die Berliner Stadtreinigung BSR möglich. Wie kann es sein, dass in Deutschland Anti-Kapitalisten, Öko-Radikale, und Verbotsfetischisten den Ton angeben, die nichts Produktives für die Menschen geleistet haben und so verbohrt auch nie leisten können? Statt täglich zur Schau gestellten mangelhaften sozioökonomischen Kenntnissen braucht es mehr denn je eine schlagkräftige und streitmuntere Initiative, besser Massenbewegung für Eigentum, Wohlfahrt, Unternehmertum und Leistung. Die Manchesterkapitalisten sind ein Vorbild, allerdings nur wer den „Champion of the poor“ und seine Statuen in England kennt.
    1. Arbeitsalltag: Anschaulich wären Schilderungen eines Arbeitstages oder einer Arbeitswoche, die Vermögende absolviert haben, um ihr Vermögen aufzubauen und zu erhalten. Das gilt für die reine Arbeitszeit genauso wie für die konkreten Herausforderungen, die Wettbewerb, staatliche Auflagen und Kontrolle, Führung und Verantwortung für Mitarbeiter sowie soziales Engagement mit sich bringen. Wer Einblicke in diese Arbeitswelt bekommt, die konkrete Verantwortung spürt, zum Beteiligten der Sorgen, Risiken, Unsicherheit und Konflikte wird, die es zu bewältigen gibt, der dürfte ein anderes Bild von Reichen bekommen. Fußballer, Musiker und Social-Media-Promnente werden leicht verherrlicht. Viele träumen vom Erfolg und den Fähigkeiten, letzten Endes im Wissen, das nicht leisten zu können, was auf dem Platz und der Bühne erforderlich ist. Das würde rasch auch bei der Schilderung des Arbeitsalltags klar werden.

Kurzum, Vermögende sollen sich selbstbewusst positionieren und das Feld nicht denen überlassen, die mit Klischees, fehlendem Wissen, niederen Motiven und einem hohen Maß an Ignoranz über die Folgen der längst massiven Belastung Wohlhabender die öffentliche Meinung dominieren. Dazu bietet der Band nicht nur im Vor- und Nachwort wichtige Denkanstöße. Herausgegriffen seien:

    • Vermögen mit Liquidität zu verwechseln ist vermutlich der dominierende Irrtum schlechthin. Milliardäre baden nicht in ihrem Geldspeicher wie es Dagobert Duck gerne tat, sondern besitzen Unternehmen mit Büros und Gebäuden, Maschinen, Anlagen, Roh- und Betriebsstoffen, Warenlager, die zusammen mit den für sie arbeitenden Menschen einen Unternehmenswert schaffen, der auf den Märkten tagein tagaus aufs Neue bewertet wird.
    • Enteignung und Umverteilung sind kein folgenloser Akt. Wer das Geld für den Konsum von Armen, weniger Wohlhabenden und gierigen Neidern verwenden will, begeht den Fehler, den Fisch ohne die Angelfertigkeiten wegzugeben. Noch gravierender, sie nehmen die Netze, Schiffe und verarbeitenden Industrien ganz oder teilweise denen weg, die über das erforderliche Führungs-, Fach- und Marktwissen verfügen, und vernichten damit Nahrungsmittelproduktion und Arbeitsplätze: „Der Glaube, die Probleme der schlechter Gestellten in der Gesellschaft ließen sich durch Umverteilung lösen, sei ein Irrglaube.“ (191) Das stelle Transfers nicht infrage, aber deren Lösungskraft. Eine der beiden herausragenden sozialen Wohltaten der Unternehmer, die nach wie vor zu gering geschätzt wird, ist, dass sie vielen, vielen Menschen Arbeit, Einkommen und einen Arbeitsplatz mit sozialem Austausch bieten. Es sollte klar sein: Jede Vermögenssteuer ist eine Investitionssteuer.

Die soziale Wärme von Vermögenden 

Das Buch ist voll von Verständnis, Engagement und Mitgefühl für die sozial Schwachen, für die Armen und für diejenigen, die bessere Lebenschancen gebrauchen können. Zugleich ist diese soziale Ethik mit dem unternehmerischen Sinn verbunden, dass sich Hilfe nicht in Transfers erschöpfen kann, weil dadurch das Leben nicht grundsätzlich besser wird. Für bessere Chancen braucht es ein besseres Vermögen und zwar ein immaterielles, sonst lebt man von der Hand in den Mund.

Staatslast

Die Einschätzungen der Unternehmer machen dezent deutlich wie sehr der Staat zur Belastung für ihr Vermögen, ihre Fähigkeit produktiv tätig zu werden, geworden ist. Auch ließe sich die Position stärken, indem die Frage aufgeworfen wird: Wie viel wohlhabender wären die ganz normalen Menschen, die sogenannten Ottonormalverbraucher, wenn der Staat mit seiner anti-unternehmerischen Bürokratie keine Schäden anrichten würde, seine direkten schädlichen Eingriffe unterlassen würde, eine akzeptable Leistung anbieten würde, für all die Dienstleistungen und Produkte, für die er die Verantwortung an sich gezogen hat: vom Geldmonopol über die Infrastruktur bis zur Energierevolution sowie den peniblen und peinlichen Überwachungs- und Kontrollmaßnahmen, die nicht nur über das gebotene Maß hinausgehen, sondern als unredlich und unehrenhaft anzusehen sind?

Vermögen statt Gleichheit

Schließlich liegt ein Schwerpunkt des Bandes auf dem Gebiet der Gleichheitsdiskussion und der Verantwortung der Vermögenden gegenüber der Gesellschaft. Das ist allgemeinbildend und vermittelt einen vielseitigen Eindruck vom Verantwortungsbewusstsein. Darüber hinaus dürfte eine andere Diskussion dringend erforderlich sein. Das Räsonieren über Ungleichheit ist unproduktiv. Es ist im Verlauf der Geschichte und den letzten Jahren endlos viel dazu geschrieben und gesagt worden. Was fehlt ist der nächste Schritt. An die Diskussion über Unvermögen und unterschiedlich verteiltes Vermögen im Sinne von Können hinaus bedarf es einer gesellschaftlichen Debatte über Vermögen, über Gestalten, über unternehmerisches Handeln zur Verbesserung der Welt. Eine konstruktive Diskussion über den Kapitalismus als die Kraft, die alle Boote hebt, über all die Wohltaten, die Unternehmer seit Jahrhunderten und Jahrtausenden für die Welt geleistet haben. Dazu gehört eine Erörterung der Gründe, Rahmenbedingungen und anzustrebenden Errungenschaften, gerne auch Vorschläge für Preise und Statuen für Unternehmer – und sei es als Geste der Anerkennung, für die, die Menschen der Welt wie mit unsichtbarer Hand wohlhabender, zugleich gesünder und sicherer machen. Ein Lob des Reichtums.

Das Buch erfüllt seinen wesentlichen, selbst gesteckten Zweck, nämlich einen Eindruck von Erben und Unternehmensgründern zu bekommen. Dem Leser begegnen gebildete, interessante Menschen, mit denen Gespräche vielfach eine Bereicherung und auch völlig normal sein dürften, die überwiegend fein und zurückhaltend, zu zurückhaltend agieren. Ein Beispiel ist der defensive Umgang mit der „Eigentum verpflichtet“ Parole, die leider auch noch ins Grundgesetz gelangt ist. Ein anderes ist der allzu freundliche Umgang mit politischen Maulhelden, die noch nie gearbeitet haben, ob jung oder alt.

Inhalt in Stichworten

Der Band besteht aus vier Teilen: „Ursprung von Vermögen“, „Bedeutungsdimensionen von Vermögen“, „Ethische Probleme von Vermögen“ sowie „Vermögen und Gesellschaft“. Die Antworten von über 20 genannten und anonymen Vermögenden wurden in einen lesenswerten Text gebracht, der um sachliche Ausführungen und Daten ergänzt wurde. Die Themenpalette ist umfangreich: Erben und Erarbeiten, Glück, Freiheit – Unfreiheit – Sicherheit – Macht – Verantwortung – Pflicht – Neid, sowie Spaltung der Gesellschaft. Ferner Gerechtigkeit, Gleichheit, Verteilung, Nachhaltigkeit und Engagement für Gemeinschaft und Gesellschaft.

Deutlich wird, dass harte Arbeit zuerst kommt und sich dann Fortune dazugesellt. Verständlich werden der abnehmende Grenznutzen von Vermögen und die Herausforderung des Vermögenserhalts. Bemerkenswert ist die perzipierte Machtlosigkeit von Familienunternehmern – „weil jede NGO mittlerweile einen höheren Einfluss auf die Politik hat als die mittelständische Wirtschaft.“ (74) Ins Auge fällt wie sehr Regeln, Regulierung und Überwachung von Unternehmen durch den Staat akzeptiert und als selbstverständlich angesehen werden. Das gilt auch für Steuern, bei denen ein konstruktiver Gedanke lautet, man würde gerne mehr zu deren effektiver und effizienter Verwendung beitragen. In diesem Zusammenhang gefällt dem Rezensenten der im Buch thematisierte Vorschlag von Peter Sloterdijk: Die Staatshaushalte umstellen von Zwangssteuern auf freiwillige Abgaben und Bürgerspenden. (195)

Mehr!

„Vermögen bedeutet Verantwortung“ ist ein wichtiger Debattenbeitrag. Man kann ergänzend zu „Eigentum“ der Familienunternehmer greifen und sich zudem über die erfolgreichen Familienunternehmen informieren. Möge der gleichermaßen aktuelle wie zeitlose Band ein Auftakt sein, das Kapital vom Pranger auf das Podest zu holen.

Michael von Prollius

 

Literatur: Vermögen bedeutet Verantwortung, hg. von Christian von Bechtolsheim, Andreas Rhein, Nicolai Hammersen, Herder Verlag, Freiburg, Basel, Wien 2021, 330 S., 26,00 Euro.

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