Mitläufer stabilisieren Herrschaft

1940 enthüllte der nach England emigrierte Journalist Raimund Pretzel die Wahrheit über das nationalsozialistische Deutschland, besser sein tiefes Verständnis. Die scharfsinnige Analyse voller klarer Beobachtungen und kluger Überlegungen veröffentlichte der Emigrant unter seinem Pseudonym Sebastian Haffner, das er zeitlebens (1907-1999) beibehalten sollte. Haffner gilt als einer der herausragenden deutschen Publizisten der Nachkriegszeit.

Jekyll & Hyde ist ein Soziogramm, eine innen- und machtpolitische, psychologische und soziologische Analyse des Dritten Reiches. Den britischen Lesern, darunter Churchill, der sein gesamtes Kabinett zur Lektüre ermunterte, erläuterte er, warum Hitler ein totaler Zivilversager war und wie er und die Naziführer insgesamt mit feiger Gewalt Karriere machten. Die deutsche Gesellschaft gliederte Haffner in fünf Gruppen, die er jeweils in großen Kapiteln portraitierte. Zudem erläuterte er ob und wie sich diese durch Propaganda beeinflussen ließen. Die Gruppen waren die „Nazis“ (20% der Bevölkerung), die „loyale Bevölkerung“ (40%), die „nichtloyale Bevölkerung“ (35%) und die „Opposition“ (5%) sowie die Emigranten.

Im Vorwort nennt der erst Anfang Dreißigjährige gleich zu Beginn drei Ziele, die er mit dem Buch verfolgt: erstens eine Diskussion über Deutschland und die Deutschen zum Abschluss bringen, indem deren „Gedanken und Gefühlswelten“ in der Vorkriegszeit dargelegt werden. Zweitens solle das Buch dazu beitragen den Krieg zu gewinnen und schließlich drittens „Voraussetzungen für einen dauerhaften Frieden erörtern“.

Das gelingt dem gebürtigen Berliner sowohl publizistisch-aufklärerisch als auch gemessen an dem, was später mit der Entnazifizierung tatsächlich Gestalt annehmen sollte. Der Leser trifft auf eine prägnante Mischung aus scharfen Beobachtungen, klaren und klugen Analysen sowie pointierten Formulierungen, die viele Metaphern enthalten, ohne ausschweifend zu werden. Nicht jedes Bild und jede Redewendung wäre erforderlich gewesen. Indes bewirkt die mangelnde metaphorische Präzision im Vergleich mit dem akademischen Sprachkanon der  Geschichts- und Politikwissenschaften eine Perspektivenvielfalt, die die Gleichzeitigkeit des Widersprüchlichen hervortreten lässt. Das ist im Ergebnis sehr modern und einer konsistenten Linearität überlegen, weil das Sowohl-als-auch an die Stelle des Entweder-oder tritt und so mehr Komplexität abgebildet wird.

Hitler, das „Hühnerauge“

Haffner stößt Hitler vom Thron. Dieses Kapitel gehört in die Schulgeschichtsbücher. Statt einem großen Diktator begegnet der Leser einem Lügner, Trickser und vor allem Spießbürger, der in seinem Leben ein totaler Versager war und persönlich blieb: keine Freunde, keine Frau, auch nach vier Jahren Weltkrieg nur Gefreiter ohne jedwede Führungsverantwortung. Zivil ohne eine einzige anerkannte Leistung. Ein zeitweiliger Obdachloser, ohne Beruf, ein zeitweiliger Spitzel, ohne Bildung, ein Schwindler und „schlecht getarnter Bandit“ mit der „Frisur eines Zuhälters“. Kein Staatsmann, aber ein latenter Selbstmörder, dessen erstaunlicher Aufstieg nur durch Gewalt möglich wurde.

Haffner urteilte: „Hitler verfolgte keine Idee, diente keinem Volk, hat kein staatsmännisches Konzept, sondern befriedigt einzig und allein sein Ego. Seine Motive sind sture Eigenliebe, Erbitterung und eine korrupte Phantasie.“ Leider weckte der „starke Mann“ mit einer Regierung, die „hart durchgreift“ die Begeisterung vieler Menschen.

Die totale Beseitigung von Hitler, wie sie Haffner politisch, moralisch und physisch fordert, dürfte tatsächlich der einzig richtige Weg und zugleich der Schlüssel für den Zusammenbruch des Dritten Reichs gewesen sein, das nach Haffners Überzeugung kein Nachfolger aufrechterhalten könne.

Die Nazi Bonzen

Haffner schätzt die Zahl der Nazioberen auf rund 100.000. Sie seien nur auf den fahrenden Zug aufgesprungen und hätten keine schöpferische Leistung zum Aufstieg des Nationalsozialismus beigetragen. Haffner wundert sich beinahe über deren „rätselhafte Gleichförmigkeit“. Als entscheidende Merkmale stellt er heraus: „grenzenlose Korruption, grenzenlose Tüchtigkeit und grenzenloser Zynismus“. Die beispiellose Korruption, geradezu eine Plünderung Deutschlands durch die NS Bonzen ist die herausragende Botschaft des Kapitels.

Die Nazis

Ein Herrschaftssystem benötige eine Kategorie von Menschen, die genau zu ihm passe, urteilt Haffner. Der Kampf gegen das Dritte Reich müsse „gegen diese Leute geführt werden“, um dauerhaften Frieden zu bringen. Ein Nazi sei jemand, der „dieser allgemeinen und permanenten sadistischen Orgie vorbehaltlos zustimmt und sich daran beteiligt.“ Damit ist die judenfeindliche Politik der 30er Jahre gemeint, das grundlose Quälen von Menschen und deren Ermordung. Haffner entideologisiert gleichsam den Nationalsozialismus, in dem er die Rolle der Juden beim Nachweis der Skrupellosigkeit eines jeden Nazis lediglich als Zufall einer angefeindeten Gruppe bezeichnet. Eine Gegenposition sollten später u.a. Wolfgang Wippermann und Michael Burleigh in „The Racial State“ vertreten. Außerdem attestiert er ihrer sogenannten „Weltanschauung“ ein niedriges geistiges Niveau mit „zusammenhanglosen und unverdauten Phrasen“. Fundiert wird die Analyse durch mehrere separat charakterisierte Nazi-Generationen, jeweils durch ihre Zeit geprägt, die junge Generation durch die Raserei der Inflationszeit und eine nihilistische Beschleunigung.

Die loyale Bevölkerung

Von „Kaiser und Reich“ zu „Führer und Deutschland“ ließe sich diese Gruppe mit ihrem kollektivistischen Nationalismus formelhaft etikettieren. Haffner charakterisiert die Mitmarschierer als ewig unrealistische Konservative und Nationalliberale zusammen mit loyalen Kleinbürgern und gehobenen Mittelschichten auf dem Land sowie einem erheblichen Teil der Verwaltung. Den Unterschied zu den Nazis sieht Haffner darin, dass die Nazis glücklich seien, weil es ihnen glänzend gehe, während die loyalen Deutschen, obwohl sie leiden und stöhnen und sich unglücklich fühlen, für den Fortbestand des NS-Regimes eintreten würden. Diese Gruppe betreibe tagein tagaus Selbstbetrug und wisse nicht, was sie tue. Diese Menschen sind die „unvernünftigsten Menschen der Welt“ mit einer Vorliebe für Phrasen, empfänglich für Propaganda, erfüllt von dem Wunsch, nicht politisch Bevollmächtigte, sondern Idole als politische Führer zu haben, urteilte der promovierte Jurist. Die später intensivierte Erforschung politischer Religionen kommt einem als Leser in den Sinn.

Die illoyale Bevölkerung

Diese Gruppe lasse sich als Verbündete im Kampf gegen denselben Feind gewinnen. Die illoyale Bevölkerung habe das Ziel, „Hitler und die Nazis um fast jeden Preis zu besiegen und zu bestrafen.“ Die tiefe Spaltung der deutschen Gesellschaft verläuft für Haffner entlang dieser Linie, der analysiert in welch totalitärem Ausmaß die Privatheit in Deutschland abgeschafft worden sei. Allerdings fehle ein Plan, eine Methode und eine Erfolgsaussicht, um die Massen unter Lebensgefahr zum Widerstand zu bewegen. Ein revolutionärer Sturz eines autoritären Regimes sei bis dato weder in Italien, noch in Russland und auch nicht Deutschland gelungen. Die machtpolitische Absicherung mit dem Gewaltmonopol und die psychologische Lage der Deutschen, die gerne gut regiert und lediglich Freiheit im Staat anstrebten, stehe dem entgegen. Den Deutschen fehle „Talent und Bereitschaft für eine revolutionäre Initiative“.

Die Opposition und die Emigranten sind Gruppen die im Kampf gegen das Naziregime irrelevant seien – schwach, ohne positive politische Alternative, mit kompromittierten Parteien, mit Liberalen, die aufhörten liberal zu sein. Der Liberalismus sei entzückt über die Reichsidee gewesen, die liberale Weimarer Republik ein wehrloser Staat, unfähig zur Selbstverteidigung.

Fazit und Ausblick

Sebastian Haffner hat eine fulminante Analyse verfasst, die als publizistische Waffe ähnlich aufklärerisch als Kriegsbeitrag angelegt war wie der wenige Jahre später erschienene „Weg zur Knechtschaft“ von Friedrich August von Hayek. Die Lektüre des zeitgenössischen Soziogramms scheint für differenzierte, realistische Betrachtungen von Gesellschaften modellgebend. Aufklärung findet sich an vielen Stellen, über die Deutschen, das Reich, Kollektivismus, Führertum und besonders die Spießerideologie, die der Kulturhistoriker und Publizist Hermann Glaser 1964 systematisch aufarbeiten sollte. Deutlich wird auch, warum die Nazis keine Faschisten waren und der heutige Nazi-Vorwurf ahistorisch ist. „Er ist wieder da“ lässt sich diesbezüglich als hilfreiche Desavouierung Hitlers lesen. Geblieben sind leider Dummheit, doktrinäres Denken und aggressives Kommunizieren sowie eine Frage: Ist der angestammte Platz der Liberalen die Opposition?

 

Sebastian Haffner: Germany: Jekyll & Hyde. 1939 – Deutschland von innen betrachtet, Verlag 1900 Berlin, deutsche Erstausgabe (englische Erstauflage 1940) Berlin 1996, 284 S., antiquarisch erhältlich.

  
   

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