Deutschland 1871: Reichsgründung und wirtschaftliche Entwicklung

Welche Rolle spielte die Gründung des Deutschen Reichs vor 150 Jahren für die wirtschaftliche Entwicklung? Welchen Entwicklungen in den Jahrzehnten zuvor kann eine entscheidende Bedeutung zugemessen werden? Auf welchen Wegen könnte die Nationalstaatsbildung sich auf die Wirtschaft ausgewirkt haben? Wie ist es um die Forschung des Themenkomplexes Wirtschaft und Reichsgründung bestellt und wie um die Datenlage?

Diese und viele weitere Fragen können Wirtschaftshistoriker und politische Ökonomen beantworten. In dem Band „Deutschland 1871“ haben 28 Autoren der Wirtschafts-, Sozial- und Unternehmensgeschichte sowie der Volkswirtschaftslehre sich das Ziel gesetzt, den „Forschungsstand zu den wirtschaftlichen Aspekten der Gründung des ersten deutschen Nationalstaats zusammenzutragen“. (V) Das Ergebnis sind lesenswerte, detailreiche 454 Seiten des 6. Bandes der Reihe Die Einheit der Gesellschaftswissenschaften im 21. Jahrhundert, die durch Disziplinenübergreifende Forschungen und methodische Vielfalt gekennzeichnet ist. Der Sammelband lässt sich im Zusammenhang mit dem empfehelenswerten Band 4 Moderner Kapitalismus in wirtschaftshistorischen Perspektiven, hg. v. Jan-Otmar Hesse et al., lesen und bietet erneut ein Vielzahl von Erkenntnissen und Anregungen, für mich etwas weniger einsichtsreich, was meinem Vorkenntnissen geschuldet sein kann.

Das Thema „Deutschland 1871. Die Nationalstaatsbildung und der Weg in die moderne Wirtschaft“ wird nach einer Einleitung in vier Abschnitten bearbeitet:

    1. Nationalstaatsbildung und Wirtschaftspolitik mit 3 Aufsätzen
    2. Nationalstaatsgründung als Zäsur? mit 7 Aufsätzen
    3. Wandel im nationalstaatlichen Rahmen mit 5 Aufsätzen
    4. Nationalstaat und wirtschaftliche Entwicklung im europäischen Kontext mit 4 Aufsätzen

Die nachfolgende Besprechung gibt wesentliche Inhalte wider und ich nehme hin und wieder Stellung aus liberaler, politik-ökonomischer Perspektive.

Zäsur Reichsgründung?

Die Reichsgründung gilt als zentrales Ereignis der deutschen Geschichte. Wirtschaftlich schloss sich den Herausgebern zufolge die Phase des modernen Wirtschaftswachstums von etwa 1,5 Prozent pro Kopf pro Jahr an. Erst nach der postmalthusianischen Ära (1810-1870) wirkten demnach technischer Fortschritt, eine kontinuierlich bessere Ausstattung mit Kapital und Humankapital sowie industrielle Leitbranchen als Triebkräfte, vor allem chemische und elektrotechnische Industrie und Maschinenbau dominierten industriell bei sinkendem Bevölkerungswachstum. Der Band betreibt Ursachenforschung.

Die moderne Welt begann um 1870 mit der Eröffnung des Suezkanals und der ersten Eisenbahnverbindung über den amerikanischen Kontinent (beide 1869), der Verlegung des transatlantischen Telegraphenkabels (1866), der Zweiten Industriellen Revolution (u.a. Joel Mokyr) und Zweiten Wirtschaftlichen Revolution (Douglas North).

Vorangegangen waren dem deutsch-französischen Krieg und der Reichsgründung in Deutschland eine Reihe bedeutender politischer und ökonomischer Ereignisse, darunter die Gründung des Zollvereins (1834), zuvor des Deutschen Bundes aus dem Wiener Kongress (1815), ferner eine einheitliche Wechselordnung (1848), Verträge zum Post- und Telegraphenverein (1850) und das Allgemeine Deutsche Handelsgesetzbuch (1861) sowie die Harmonisierung der Münzverhältnisse (1838, 1857) und somit die Bildung eines gemeinsamen Markts.

Mögliche Kausalzusammenhänge zwischen Staatsbildung und Wirtschaftsentwicklung

Vier potenzielle Wirkungskanäle von der Nationalstaatsbildung zur wirtschaftlichen Entwicklung skizzieren die Herausgeber:

    1. Identitätspolitik und somit Integration insbesondere über Bildung und Medien mit positiver Wirkung auf Arbeitsteilung, Transaktionskosten und Wachstum. Anmerkung: Ein Nachweis, dass Identitätspolitik Wachstum fördernde Wirkungen entfaltet, erscheint theoretisch und empirisch herausfordernd. Das zeigen auch die Beiträge.
    2. Marktintegration durch institutionelle Integration und insbesondere einen Binnenmarkt mit einheitlichen Maßen, Standards, Arbeitsmarkt, technischen Standards, mit wiederum verringerten Distanz-Kosten, vertiefter Arbeitsteilung und Spezialisierung sowie Akkumulation von Wissen und technischem Fortschritt. Anmerkung: Das ist offensichtlich eine etablierte marktwirtschaftliche und ordnungspolitische Argumentation. Sie wird in vielen Beiträgen deutlich.
    3. Ausbau der Staatsmacht im Sinne von State capacity, also die Fähigkeit, politische Ziele zu erreichen. Anmerkung: Das ähnelt einer staatsinduzierten Entwicklungsland-Argumentation. Allerdings lässt sich der Fähigkeitenausbau für zentralstaatliche Finanzen und Wachstumsfolgen von Fiskalpolitik in den Beiträgen kaum beobachten, vielleicht bei Bildung und darüber möglicherweise verbessertem Humankapital. Gestärkt wurde mittelfristig vielmehr die lokale und regionale Ebene. Damit gewinnt die konkurrierende These des politischen Wettbewerbs (Roland Vaubel) mit einer günstigen föderalen Struktur, mit autonomen Märkten und dezentralem Steuerwesen an Bedeutung.
    4. Verbesserte Qualität ökonomischer Institutionen etwa mit verringerten Transaktionskosten durch die Novelle des Aktiengesetzes von 1884 und steigender Kapitalintensität, zudem das Patentgesetz von 1877 sowie besserer breiterer sozialer Sicherung sowie schließlich besserer statistischer Informationen. Anmerkung: Das ist offensichtlich eine weitere ordnungspolitische Perspektive, für die mehr harte Kriterien hilfreich wären.

Kernaussage vorab

Die Herausgeber bieten eine ambivalente Einschätzung. Einerseits urteilen sie: „Wir können mithin davon ausgehen, dass die Nationalstaatsgründung auf sehr vielen Feldern ein erhebliche Verbesserung in der Institutionenstruktur bewirkte, die nachhaltig wirtschaftliches Wachstum begünstigte.“ (12) Andererseits machen sie deutlich: Die wirtschaftlichen Folgen der Nationalstaatsbildung waren „wohl begrenzt“. (16)

Der Zusammenhang zwischen Institutionen und Wachstum ist zwar eine etablierte und plausible Annahme, wird aber in den Beiträgen weniger zwingend nachgewiesen als es einleitend scheint. Korrelationen sind häufig nachvollziehbarer als Kausalitäten – mehr Theorie und mehr explizit gemachte Modelle könnten nützlich sein. Hinzu kommen sich überschneidende Entwicklungen wie Globalisierung und Nationalstaatsbildung, institutionelle Reformen und wirtschaftliche Entwicklung vor der Nationalstaatsbildung sowie eine bereits beschleunigte Industrialisierung mit begrenzter Wirkung. Erwähnt wird auch die Synchronisierung von Konjunkturzyklen in Folge der Globalisierung und einer internationalen Integration. Schließlich ist die Datenlage immer wieder problematisch.

Im Einzelnen

Nationalstaatsentstehung aus wirtschaftsgeschichtlicher Perspektive

Felix Kersting und Nikolaus Wolff befassen sich mit nationaler Identität, ökonomischer Integration und dem Aufstieg Preußens.

Es habe Angebot und Nachfrage nach nationaler Identität gegeben. Eine wirtschaftsgeschichtliche Perspektive auf die Entstehung des deutschen Nationalstaats vom Ende des 18. Jahrhunderts bis 1871 verdeutliche ein Zusammenspiel strategischer Interessen von Regierung und Nationalbewegung. Als wesentliche Aspekte führen sie zudem an: die Westverschiebung Preußens an den Rhein, der Durchbruch zum Zollverein, der erst mit der Liberalisierung des Rheinhandels im Zuge der Juli-Revolution gelang, die Staatsgründung von Belgien sowie die Mainzer Akte über gemeinsame Schifffahrtsregeln von 1831. Es gebe ein kausal begründbares Zusammenspiel von wirtschaftlicher Integration, Strukturwandel, Nachfrage nach nationaler Identität, die trotz mehrfachen Scheiterns immer stärker wurde, und Erosion der alten Ordnung. Dem würden drei Phasen entsprechen: Frühe Nationalbewegungen bis 1819. 1819-59 soziale Mobilität, wirtschaftliche Integration, politischer Reaktion. Schließlich expandierende Nationalbewegung.

Bewertung: Der konkrete wirtschaftsgeschichtliche Beitrag bleibt unscharf. Korrelationen werden deutlich, Kausalitäten weniger – das liegt auch an ergänzungswürdigen konkreten, überprüfbaren Kriterien. Ein Beispiel: Die Änderung von Vornamen als Hinweis auf einen Identitätswandel erscheint als eine konstruktivistische These („Evidenz … lässt sich nur vermuten“, S. 32). Ein weiteres: Der Zollverein wurde von der Nationalbewegung ambivalent gesehen. Ein letztes: Der Zusammenhang zwischen machtpolitischen Motiven für den Zollverein und Nationalstaatsbildung bleibt deskriptiv.

Staaten übergreifende Kooperation und Integration

Alfred Reckendress arbeitet die „Zwischenstaatliche wirtschaftliche Kooperation und institutionelle Integration vor der Gründung des Kaiserreichs“ heraus, explizit ohne gleichzeitige Bestrebungen von wirtschaftlichen und politischen Vereinen zu berücksichtigen.

Sehr deutlich wird wie nahtlos das Kaiserreich den laufenden Integrationsprozess fortsetzte. Preußen musste dabei beträchtliche Zugeständnisse machen.

Am Anfang stand der Deutsche Zollverein von 1834 mit einem zollfreien Binnenmarkt. Hinzu kam ein gemeinsames Münz- und Geldsystem seit der Dresdner Münzkonvention von 1838, das an die Stelle einer Vielzahl unterschiedlicher Währungen und Münzgewichte trat und durch eine in allen Staaten des Deutschen Bundes geltende Wechselordnung seit 1849 flankiert wurde. Mit Wechseln wurde größere Geschäfte bargeldlos abgewickelt, vor 1849 mit 60 verschiedenen Ordnungen. Einen einheitlichen Rahmen für den Geschäftsverkehr schuf das Allgemeine Handelsgesetzbuch von 1861. Nach fast 600 Sitzungen wurden standardisierte Normen kaufmännischen Handelns festgehalten.

Anmerkung: Aus liberaler Perspektive ist das ein anschauliches Beispiel für die Kodifizierung von Konventionen im Sinne einer Rule of Law.

Motor der Integration war zunächst der Zollverein und ab den 1850er Jahren der Deutsche Bund. Der Ausbau der Infrastruktur, insbesondere von Eisenbahn, Post und Telegraphie, wirkte als Transmissionsriemen. Vereinbarte technische Standards, Normen und Tarife dienten als Schmiermittel, um im Bild zu bleiben. Bemerkenswert: Träger waren weniger die Regierungen der Staaten, wie Alfred Reckendress aufzeigt, sondern vielmehr Expertennetzwerke, darunter Fachbeamte, Rechtsexperten, Kaufleute. Die Integration wurde ab den 1850er Jahren mit der Führung Preußens durch machtpolitische, hegemoniale Bestrebungen überlagert.

Bewertung: Das liberale Zeitalter mit seinen Wohlstand und Entwicklung fördernden Institutionen, mit einer wenig gehemmten Marktwirtschaft, sachlich sinnvoller Vereinheitlichung und einer konstruktiven Rolle der begrenzten Regierungen wird in diesem Beitrag sichtbar genauso wie die nicht ignorierbare machtpolitische Bedeutung Preußens.

Interventionismus und Marktlenkung

Die staatliche Marktlenkung in den 1870er und 1880er Jahren betrachtet Gerold Ambrosius.

Das frühe Kaiserreich habe einen gemeinsamen Wirtschaftsraum mit einer gemeinsamen Wirtschaftsordnung gebildet – liberal, föderativ, aber als Ordnungssystem einheitlich in Form eines in den frühen 1880er Jahren verflochtenen Bundesstaats. Der Verwaltungsauf- und -ausbau mit neuen Behörden erfolgte vor allem ab 1875 und bestand wesentlich als Verwaltungsmodernisierung der Länder. Je tiefer die Eingriffe, desto weniger Kontrolle übte das Reichskanzleramt aus. Behörden und Ämter emanzipierten sich. Zahlreiche Gesetze und Maßnahmen wurden in einer zunehmend differenzierteren Welt erlassen. Die staatliche Regulierung sollte durch Koordination positive Effekte hervorrufen und durch Verbote negative Effekte verhindern sowie die Wirtschaft im Einzelnen steuern (Anmerkung: siehe allerdings das Problem „wirtschaftlicher Punktualismus“, Alfred Schüller). Aufgrund einer problematischen Praxis von Unternehmen im Rahmen von Konzessionsverträgen, sollen nur Staatsbetriebe als Versorger (Wasser, Gas, Elektrizität, Verkehr, Post, Kommunikation) geeignet gewesen sein.

Bewertung: Der konzise Beitrag ermöglicht einen raschen Überblick über die Wirtschaftsordnung und den Staatsausbau. Dabei erscheint der Text staatsfreundlicher als man aus der Fundierung schließen würde. Zu erläutern wäre, warum es zu einem zunehmenden Marktversagen gekommen sein soll. Arbeits- und Gesundheitsschutz sowie Kinderarbeit und deren mediale Skandalisierung werden thematisiert, nicht aber unternehmerische Verbesserungen und Bemühungen von Arbeiterorganisationen. Aus heutiger Sicht erscheinen auch die Verstaatlichung weiter Teile der Versorgung mit Gütern des alltäglichen Bedarfs und damit die Notwendigkeit der behördlichen Ordnung und Lenkung von Märkten unverständlich, so dass um 1900 10% der Beschäftigen in vorwiegend kommunalen Staatsbetrieben tätig waren. Eine vergleichende Bilanz von Staats- und Privatunternehmen könnte an anderer Stelle hilfreich sein.

Zäsur Nationalstaatsbildung?

Die 1870er Jahre als Strukturbruch der langfristigen wirtschaftlichen Entwicklung Deutschlands“ untersucht Ulrich Pfister.

Parallel zur Reichsgründung lässt sich der Übergang zu einem modernen (industriellen) Wirtschaftswachstum mit rund 1,5% p.K. p.a. beobachten – statt des zuvor weitaus niedrigeren Wachstum, das durch die Landwirtschaft mit ihren Ernteschwankungen geprägt war (bis zu 0,5% p.K. p.a.). Um 1880 begann ein stetiger Anstieg des Reallohns. Der Übergang zum modernen Wachstumsmuster vollzog sich rasch zwischen den späten 1860er und 1880er Jahren. Ob die Staatsgründung einen Einfluss gehabt hat, bleibe eine Forschungsfrage, zumal erstens die parallele Globalisierung zu einer stärkeren weltwirtschaftlichen Integration geführt habe und zweitens Deutschland zu einem bedeutenden Nahrungsmittelimporteur werden ließ, was das Potenzial für einen Strukturwandel weg von der Landwirtschaft gesteigert habe. Dabei habe die Industrialisierung zunächst als regional beschränktes Phänomen nur begrenzte Wachstumsauswirkungen gezeitigt, um nach der Gründerkrise mit höher Kapitalintensität und besserer Humankapital-Ausstattung prägend zu wirken.

Ulrich Pfister verwendet mehrere theoretische Ansätze für die Untersuchung des Strukturbruchs. Mit Adam Smith verbunden sind Marktintegration, vertiefte Arbeitsteilung und ein durch Bevölkerungswachstum vergrößerter Markt. Mit Ester Boserup arbeitintensive Agrarinnovationen durch eine wachsende Bevölkerung und ein entsprechend wachsendes Arbeitsangebot sowie kürzere Innovationswege in einem dichter besiedelten Raum, mit mehr von Menschen verwertbarer (Nahrungs-)Energie pro Fläche. Im Zusammenhang damit stehen Skaleneffekte des technischen Fortschritts, die wegen steigender Nutzerzahlen möglich wurden. Entsprechend höhere Gewinne ließen sich mit Forschung und Entwicklung realisieren – zunächst mit Produktivitätssteigerungen von reichlich verfügbaren Faktoren (Skaleneffekte), was zunächst arbeitsvermehrend wirkte. Der Rückgang der Geburten lässt sich mit Anreiten so erklären, dass Investitionen in weniger und besser gebildete Kinder sich mit der Industrialisierung lohnten. Die Rolle des Staates habe in institutionellen Veränderungen bestanden.

Bewertung: Der Aufsatz überzeugt durchweg – gerade auch durch den Theorie gestützten Ansatz und die empirische Fundierung sowie die reflektierte Offenheit hinsichtlich Korrelation und noch zu klärender Kausalität des Strukturbruchs rund um die Reichsgründung. Lediglich eine Randbemerkung: Die Übernahme des Begriffs „Getreideinvasion“, das waren Agrarimporte bei steigendem Konsum nach dem Ende des amerikanischen Bürgerkriegs, kann als problematische Militarisierung der Wirtschaft gesehen werden.

Steuergelder und Wirtschaftsentwicklung

Wechselwirkungen zwischen Staatsfinanzen, Reichsgründung und wirtschaftlicher Entwicklung analysiert Mark Spoerer.

Zusammenfassend: Eine Zentralisierung der Staatsfinanzen fand nicht statt. Die Kommunen konnten ihren Anteil zu Lasten von Ländern und Reich ausbauen. Ein ausgeprägter Fiskalförderalismus blieb erhalten und wurde erst 1919/20 durch Matthias Erzberger beseitigt. Das deutsche Fiskalregime hatte Mark Spoerer zufolge weder entscheidenden Einfluss auf die Reichsgründung (Nation building) noch auf die wirtschaftliche und politische Festigung (State capacity). Auch eine Wechselwirkung mit der beschleunigenden Industrialisierung blieb begrenzt. Die Besteuerung wuchs rasch mit einer verdoppelten Steuerquote auf 10 Prozent. Konkrete Auswirkungen der Staatsfinanzen und des Steuersystems bleiben mangels Daten bis auf weiteres unbekannt.

Technikauswirkungen auf Staatsgründung und Marktintegration

Die Bedeutung von Post, Telegraphie und Eisenbahn für Nationalstaatsgründung und Marktintegration untersuchen Sebastian Till Braun und Ja-Otmar Hesse.

Zusammenfassend: Vermutlich habe es einen Wachstumsbeitrag gegeben. Allerdings sei die Aussagekraft der bisherigen Forschung und verfügbaren Statistik begrenzt. Die Reichsgründung habe keine verstärkende Wirkung gehabt. Der Wachstumsbeitrag der Eisenbahn sei vor der Reichsgründung stärker als danach gewesen. Bei Post und Telegraphie sei die Wirkung auf das Wirtschaftswachstum unklar. Fazit: „Das dezentrale Transport- und Kommunikationssystem vor der Reichsgründung scheint ebenso leistungsfähig gewesen zu sein, wie das zentralisierte danach“. (154)

Reichsdatenüberblick

Den Aufbau nationaler Statistik untersucht Michael C. Schneider.

Eine neue Reichsstatistik gab es seit 1872. Bereits seit Beginn des Jahrhunderts hatte sich eine produktive amtliche Statistik in den Ländern herausgebildet mit beträchtlicher Reichweite und umfangreicher Publizistik. Eine Professionalisierung erfolgte vor 1871 – in Preußen ist diese mit Ernst Engels ab 1860 verbunden. Die Aussagekraft der Gewerbestatistik blieb gleichwohl begrenzt. Ein nationaler statistischer Blick setzte sich erst allmählich gegen die föderalen Perspektiven durch. Ein wichtiges Forschungsdesiderat ist für Michael Schneider die Bedeutung der Statistik für die gesellschaftlichen Diskussionen und die Gesetzgebung.

Geldreform

Den Wandel des monetären Regimes: Goldstandard und Reichsbank analysiert Matthias Morys.

Goldstandard und Reichsbank werden als erfolgreiche Institutionen des deutschen Kaiserreichs eingeschätzt: „Der Goldstandard bescherte Preis- und Wechselkursstabilität“ und „Deutschland stieg … zu einem der sog. Kernstaaten des seinerzeitigen internationalen Währungssystems auf“. (195)

Die Reichsgründung bildete allerdings keine Zäsur, denn eine einheitliche Geldpolitik entstand erst 25 Jahre später. In der Zwischenzeit habe die 1875 gegründete Reichsbank für eine Konvergenz der Zinsen der verschiedenen Notenbanken gesorgt. Der Übergang zum Goldstandard 1873 lässt sich ebenfalls nicht zweifelsfrei mit der Nationalstaatsbildung verbinden. Die meisten europäischen Staaten gingen in dieser Zeit auf den Goldstandard über. Dazu passt: „Eine einheitliche Währung und eine einheitliche Geld- und Währungspolitik wurden als wirtschaftliches Interesse der Deutschen in den 1850er und 1860er Jahren wahrgenommen.“ (195) Das sei in einem Zentralstaat einfacher möglich gewesen und könne als eine Triebfeder für die Reichseinigung angesehen werden. Bemerkenswert rasch sei die Geldmarktintegration der zuvor heterogenen Märkte in den Ländern des späteren Kaiserreichs erfolgt. Die Kompetenz für eine übergeordnete Lösung besaß ab 1867 bereits der Norddeutsche Bund. Goldstandard und Reichsbank folgte eine vierzigjährigen wirtschaftliche Expansionsphase.

Bewertung: Der gelungene Beitrag ließe sich um das Thema Free Banking im europäischen Kontext ergänzen, zumal Free Banking zu dieser Zeit eine übliche und weit verbreitete Praxis war. Zu präzisieren wäre in einem politik-ökonomischen Kontext wer mehr Reformen und Regulierung des Notenbanksystems wünschte und welche Interessen damit verbunden waren. Der Aufsatz enthält en passent viele liberale Erkenntnisse über die wohltuende Wirkung von integrierten Märkten, politischem Wettbewerb, Globalisierung, Freihandel und dergleichen mehr.

Zusatz-Informationen für geldpolitisch interessierte Leser:

    • Gewaltige Goldfunde in Kalifornien (1848) und Australien (1851) schienen erstmals eine ausreichende Menge Gold für einen Übergang zum Goldstandard zu bieten. Auf der Internationalen Münzkonferenz (1867) sprachen sich mit Ausnahme der Niederlande fast alles Staaten für die Annahme eines Goldstandards aus (organische Entwicklung binnen 25 Jahren).
    • Die Bankenfrage sorgte für beträchtlichen Konflikt zwischen zentralistischen und föderalen Kräften. Im Mittelpunkt stand die Frage, wer Banknoten ausgeben können sollte. (186)
    • Die Reichbank war eher eine Umbenennung – der Preußischen Bank – als eine Neugründung.
    • Eine problematische Folge der Emissionszentralisierung war eine stark abnehmende Zahl von Privat- und Staatsnotenbanken.
    • Die Rolle der Reichsbank als Lender of last resort ist schlecht erforscht.

Finanzkrise

Börsen und Banken während der Gründerkrise untersuchen Carsten Burhop und Felix Selgert.

In der Gründerboom-Krise, deren Ursachen nach wie vor als etwas unklar gelten sollen, fallierten ab 1873 zahlreiche Banken und Immobiliengesellschaften. Im Beitrag wird die starke Ausdehnung der Geldmenge um fast 30 Prozent in nur zwei Jahren 1871-72 thematisiert. Ausdehnung und anschließende Kontraktion der Geldmenge gingen mit Boom und Krise einher. In diesem Zusammenhang darf der Reichsinvalidenfonds mehr als eine Randnotiz sein, der zwischen Mai 1973 und Februar 1974 rund 560 Millionen Reichsmark von den französischen Kriegsentschädigungen in festverzinsliche deutsche Wertapiere investierte und so sichere Geldanlagen verknappte.

Die Reichsgründung hatte eher keine Auswirkungen, wenn auch Gewerbe, Bankwesen und Handelsrecht mit der Reichsgründung per Verfassung auf das Reich übergegangen waren. Eine Zentralisierung erfolgte bereits zuvor, zeitverzögert und Anlass bezogen. Eine geldpolitisch massive Ausdehnung lässt sich indes erst in unmittelbarem Zusammenhang der Krise beobachten.

Wichtige Reformen wurden nach und als Reaktion auf die Krise realisiert, darunter das Aktienrecht 1884 und die Börsenordnung 1882 sowie das Börsengesetz von 1896. Geschäftsbanken wurden erst weitgehend reguliert mit dem Hypothekenbankgesetz von 1899 und dem Kreditwesengesetz von 1934. Institutionelle Wirkungen resultierten also nicht aus der Reichsgründung, sondern folgten den Maßnahmen nach der Gründerkrise.

In den 1870er Jahren erfolgte der Durchbruch der Aktiengesellschaft, Banken in dieser Rechtsform eingeschlossen, darunter die Gründung der Deutschen Bank, Dresdner Bank und Commerzbank. Die Funktion von Banken veränderte sich: Sie hätten nicht mehr wachtumschaffend, sondern wachstumbegleitend gewirkt. Die 1870er Jahre gelten als „Übergangsperiode von der Stufe des bankdominierten hin zur Stufe des dualen, aus Banken und Finanzmärkten bestehenden deutschen Finanzsystems.“ (224)

Bewertung: Die Gründerboomkrise erscheint als klassische „österreichische Krise“ im Sinne der Österreichischen Geld- und Konjunkturtheorie, die insbesondere mit Ludwig von Mises und Friedrich August von Hayek verbunden ist.

Vereinheitlichung des Patenrechts

Alexander Donges und Jochen Streb analysieren das Patentgesetz von 1877. Die Regulierung begann vor der Reichsgründung. Die Auswirkungen auf den technischen Fortschritt waren ambivalent. Für Ausländer wurde ein freier Marktzugang eröffnet und die Zahl der ausländischen Patente stieg rasch. Zugleich konnten Wettbewerber mit Blockadepatenten und Patentpools ausgebremst werden. Für Kartellabsprachen sei das Patentgesetz förderlich gewsen. Der Fortschritt wurde verlangsamt. Offen ist, ob Großunternehmen private Erfinder zurückdrängten und welche Folgen das gehabt haben könnte.

Organisierter Kapitalismus?

Wie organisiert war der Kapitalismus im Kaiserreich?“ Die Rolle von Verbänden, Kartellen und personellen Verflechtungen untersuchen Eva-Maria Roelevink und Dieter Ziegler.

Der aussagekräftige Literatur- und Forschungsüberblick ist von der Frage geleitet, ob sich die Wirtschaftsordnung durch die Nationalstaatsgründung verändert hat. Ergebnis: ein gemischtes Bild bei Verbänden und Kartellen hinsichtlich ihrer Einflussnahme, keine Macht bei personellen Verflechtungen. „Organisierter Kapitalismus“ sei kein treffender Begriff für diese Zeit. Kennzeichnend waren vielmehr ein pfadabhängiges System mit einer marktwirtschaftlichen Ordnung, die Persistenz vormoderner Eliten, eine erfolgreiche Anpassung an den internationalen Wettbewerb.

Einer einheitlichen Organisation stand die Konkurrenz von Verbänden im Wege, z.B. beim Thema Zölle. Außerdem war der Centralverband Deutscher Industrieller (CDI) durch interne Konflikte immer wieder gelähmt. Die Verbände wandelten sich – der CDI beispielsweise von der „Zollagitationsstelle zum Spitzenverband“. (249) Mit dem Bund der Industriellen (BdI) entstand ein zweiter wirtschaftlicher Spitzenverband. Der Bund der Landwirte wurde vom extra gegründeten Hansa Bund bekämpft.

Zwischenbewertung: Prinzipiell problematisch erscheint die anti-liberale und unrechtmäßige Entscheidung des Reichsgerichts von 1890, demnach Kartelle das Prinzip der Gewerbefreiheit nicht schädigen würden. Schließlich kann als ein Wesenskern von Kartellen die Verabredung zur Schädigung Dritter gelten.

Die Autoren belegen indes deutlich: Kartelle waren weniger mächtig als angenommen, viele zerbrachen, die Konkurrenz der Mitglieder verlagerte sich in die Kartelle hinein, was nach außen schwer sichtbar war. Kartelle agierten kaum kooperativ unter einander. „Über den Umfang und die Wirkung der Kartellierung herrscht in der Forschung nach wie vor große Unklarheit.“ (252)

Unternehmensverflechtungen, gerade auch von Banken und Industrie sind später unter dem Stichwort „Deutschland AG“ bekannt geworden. Aufschlussreich ist die Untersuchung der wesentlichen Gruppen in den Aufsichtsräten – bis zu 40 Mandate konnten eine Person ansammeln. Bankiers und Bankdirektoren bildeten die größte Gruppe, die allerdings nicht machtpolitisch motiviert war, sondern auf Bonitätsinformationen bedeutender Kreditkunden abzielte.

Ambivalenter Sozialstaat

Die Folgen der Bismarckschen Sozialversicherung für Arbeits- und Lebensverhältnisse behandeln Tobias A. Jopp und Jochen Streb.

Die Sozialpflichtversicherung mit Kranken- (1883), Unfall- (1884) sowie Invaliditäts- und Altersversicherung (1889) schufen einen neuen Staat, der sich allerorten ausdehnen sollte. Die Reichsgründung vereinheitlichte länderspezifische Praktiken und Regeln und beschleunigte diese Entwicklung.

Ziel war die Durchsetzung von Herrschaft, mit anderen Worten Primat der Politik, gegen Arbeiter, deren Gewerkschaften und Wohlfahrtsorganisationen sowie gegen die katholische Kirche (Kulturkampf): „So betrachtet stellte die Sozialversicherung vor allem ein Herrschafts- und Disziplinierungsinstrument zur Erzeugung von Akzeptanz dar, das die wenig wirksame ‚Peitsche’ in Form des Sozialistengesetzes von 1878 ergänzen sollte.“ (269) Die Intervention des Staates in einen elementaren Lebensbereich mit der Reklamation umfassender Regelungszuständigkeit habe der „Etablierung von Staatsmacht“ (269) gedient.

Im Aufsatz werden ausgewählte Themen der Forschung empirisch behandelt, mit folgenden Ergebnissen:

    • Der Einfluss der Krankenversicherung auf die beobachtbare sinkende Mortalität kann ein Faktor unter anderen gewesen sein.
    • Die Fertilität wurde durch die Invaliden- und Altersversicherung eher nicht beeinflusst.
    • Die grenzüberschreitende Migration wurde nicht durch die (zumal zu niedrige) Sozialversicherung beeinflusst; es gab attraktivere Anreize für Auswanderer in die USA.
    • Die Unfallversicherung ließ zunächst die Arbeitssicherheit sinken und sorgte für mehr Unfälle. Erst mit einer Änderung der Anreizbedingungen durch die Berufsgenossenschaften auf Initiative des Reichsversicherungsamts kehrte sich der Trend ab 1900 wieder um.
    • Das Niveau privaten Sparens war geringer als die staatlichen Transfers und sank mit der Sozialversicherung. Dieses Untersparen hat zwei Ursachen: das Volumen der Transfers und die Unterschätzung der Lebensdauer.

Tobias A. Jopp und Jochen Streb sehen eine deutliche Wohlfahrtssteigerung für den einzelnen Versicherten aufgrund der Staatstransfers und durch Krankheits- und Unfallprävention. Erwähnt wird das Demographie anfällige Umlageverfahren.

Bewertung: Aufgrund des staatlichen Umlageverfahrens handelt es sich nicht um eine Versicherung, sondern um Transfers. Die Unterschiede zu einer echten Versicherung äußern sich auch dadurch, dass Einkommen und nicht Risiko die maßgebliche Größe bildete. Gerade angesichts der Zwangsmitgliedschaft ohne Alternative erscheint eine kontrafaktische Betrachtung, innovativ als Simulation, über die Zeit hinweg mit privaten Lösungen erkenntnisfördernd. Zugleich könnte die Frage behandelt werden, ob und wie lange sowie für welche Gruppen Untersparen zum Problem geworden wäre. Umfangreiche etablierte und entstehende private Ansätze wurden aus machtpolitischen Gründen gezielt bekämpft. Die aus einem Abwürgen des Wettbewerbs und damit unterbliebenen Innovationen dürften in langer Sicht geradezu unermesslich sein.

Weitere Themen des Sammelbands

    • Die Ungleichheit schwankte rund um die Reichsgründung. Interessanter erscheint mir die zunehmende Wohlfahrt für breite Bevölkerungsschichten im Zeitablauf zu sein, zumal Ungleichheit ein Wesenszustand der Welt ist und bereits je nach Perspektive variiert.
    • Grundschulbildung wurde als staatliches Instrument eingesetzt, um eine nationale Identität zu schaffen und um politische Ziele zu verfolgen, darunter den Kulturkampf gegen die katholische Kirche.
    • Die Reichsgründung war kein Strukturbruch in der u.a. durch technischen Fortschritt getriebenen Globalisierung und der europaweiten Freihandelspolitik. Allerdings war die zollpolitische Wende unter Bismarck 1879 außenwirtschaftlich bedeutend.
    • Zölle waren der einfachste, bequemste Weg zur Erhöhung der Einnahmen bei geringstem Widerstand mit einem Wirrwarr an relativen Besser- und Schlechterstellungen für einzelne Güter. Zollmauern und ansteigende Fremdenfeindlichkeit traten parallel auf.
    • Die italienische Wirtschaftsleistung war nach der Vereinigung besser als vorher, blieb aber nach wie vor bescheiden. Der Abstand zu anderen europäischen Ländern nahm sogar noch zu. Die Staatsmacht blieb schwach.
    • Die Wirtschaft des Habsburgerreiches nach der deutschen Nationalstaatsgründung – untersucht von Max-Stephan Schulze – wurde weiterhin vor allem durch die Geographie beeinflusst und weniger durch den Staat: „Regionen, die einen besseren Zugang zu Märkten hatten, schnitten in Bezug auf das Pro-Kopf-Einkommen wesentlich besser ab.“ (424) Einkommens- und Produktivitätslücke konnte nicht geschlossen werden, trotz respektablem Wachstum der Arbeitsproduktivität.
    • Der relative Niedergang der britischen Wirtschaft von 1871-1913 bleibt aus liberaler Sicht vielfach unverständlich, auch weil per se unplausible Thesen widerlegt werden, darunter die Konstruktion, die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands könnte negative Auswirkungen auf die britische Wirtschaft gehabt haben. Das würde ein Nullsummenspiel voraussetzen, das es in einer dynamisch wachsenden internationalen Wirtschaft nicht gibt.

Fazit und Ausblick

Im Rückblick auf die professionellen Beiträge bleibt bei mir folgender Eindruck haften: Die Gründung des Deutschen Reichs vor 150 Jahren hatte für die wirtschaftliche Entwicklung insgesamt eine eher nachrangige Bedeutung, die machtpolitisch bedingte Sozialstaatsbildung ausgenommen. Internationale Integration, industrielle Entwicklung, institutionelle Modernisierung zugunsten von Marktwirtschaft und Freihandel kann eine entscheidende Bedeutung zugemessen werden. Die Nationalstaatsbildung hatte langfristig institutionelle Auswirkungen auf die Wirtschaft, regulierend zudem durch Zölle. Die Forschung des Themenkomplexes Wirtschaft und Reichsgründung verfügt über eine solide Grundlage mit einer klaren Trennung von Wissen und Nichtwissen, aber auch Unbekanntem bei teils schwieriger Datenlage.

Der gut gegliederte Sammelband mit einheitlich strukturierten Beiträgen ist lesenswert, anregend und diskussionswürdig. Das gilt gerade auch für die Erwachsenenbildung und damit über das akademische Fachpublikum hinaus. Die sehr gute Verlagsarbeit trägt dazu bei.

Immer wieder aufschlussreich ist, was wissenschaftlich derzeit gesichert erscheint und wie viel unsicher und unbekannt ist. Bemerkenswerte Erkenntnisfortschritte wurden in einzelnen Themengebieten erzielt, wozu ich persönlich Strukturbruch, Kartellierung, Sozialstaat und Wirtschaftsgeographie zähle. Vielfach mangelt es an Daten, so dass ersatzweise mit mehr oder minder plausiblen Annahmen gearbeitet werden kann. Auffällig ist die Vielzahl der Thesen und Korrelationen bei vergleichsweise wenig Kausalitäten und Rückkopplungsgeflechten. Das kann den mitunter komprimierten und viel Stoff behandelnden Aufsätzen geschuldet sein. Kausaldiagramme könnten zur Substanziierung beitragen. Interdisziplinarität ist im Sammelband und in Aufsätzen vorhanden. Potenzial bleibt für integrierte interdisziplinäre Perspektiven von Politik, Wirtschaft, Soziales, Recht und Infrastruktur sowie Geographie. Methodisch sei die Frage aufgeworfen, ob ein konsequent Theorie gestützter Zugang erkenntnisfördernd wäre.

Inhaltlich verfestigt sich der Eindruck: Die Reichsgründung war keine Zäsur und wirkte sich unmittelbar nur sehr eingeschränkt auf die Wirtschaft aus. Der Trend zu institutioneller Zentralisierung und Vereinheitlichung wurde fortgesetzt und im Laufe der Zeit intensiviert.

Kontra faktisch wäre aufschlussreich, auch als begründete Spekulation, wie eine dezentralere Entwicklung ohne deutsches Reich, aber mit einem dominanten Preußen hätte verlaufen können. Dazu passt, dass der Reichsgründung ein gewisser Mythos innewohnt. Die intensive Befassung mit Politik birgt die auch indirekte Gefahr der Überschätzung als groß angesehener Politiker und kollektiver Ereignisse. Dabei kann die Wohlfahrt schädigende Wirkung von Machtpolitik aus dem Blick geraten. Welchen Wert Alltagsgeschichte besitzt, hat mir für das Mittelalter Ernst Schubert aufgezeigt. Zur Sozialpolitik wäre dementsprechend ein Beitrag über private Initiativen und Organisationen ergänzenswert. Zu gesellschaftlichen Fragen im sozioökonomischen Kontext bieten sich verschiedene, auch Gruppen spezifische Themen mit Bezug zur Reichsgründung an. Schließlich seien die Auswirkungen des deutsch-französischen Krieges erwähnt, deren Untersuchung der Nationalstaatsbildung und dem Weg in die moderne Wirtschaft wertvoll wäre.

Offenkundig leistet der Band „Deutschland 1871“ viel, nicht zuletzt weil die Herausgeber und Autoren nicht nur Fachwissen bieten, sondern zum Nachdenken anregen.

Michael von Prollius

 

Literatur: Ulrich Pfister, Jan-Otmar Hesse, Mark Spoerer, Nikolaus Wolf (Hg.): Deutschland 1871. Die Nationalstaatsbildung und der Weg in die moderne Wirtschaft (Die Einheit der Gesellschaftswissenschaften im 21. Jahrhundert Bd. 6), Mohr Siebeck Verlag, Tübingen 2021, 454 S. 99,00 Euro.

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