Die vergebene Chance: eine Allianz von Anarchisten und Liberalen

1872, auf dem Höhepunkt seines Einflusses, schrieb der inzwischen zum Anarchisten avancierte russische Denker und Sozialrevolutionär Michael Bakunin (1814-1876) einen lehrreichen Brief an einen italienischen Freund und Mitstreiter, Celso Ceretti.

Der Brief präsentiert, so Stefan Blankertz, „Glanz und Elend des Bakunismus.“ Als Herausgeber ist ihm das angestrebte „bibliophile Kleinod“ tatsächlich gelungen – mit einer Einleitung und Einordnung, natürlich der Übersetzung, einem Register und nicht zuletzt mehreren Illustrationen des sehr ansprechend gestalteten Bandes.

In der Sache gehet es dem Wortmetz, Lyriker und Anarchokapitalisten darum, dass der Geist Bakunins wiederkehre müsse, um „den Verwüstungen der Staatsgewalt Einhalt zu gebieten“. Stefan Blankertz hat mit dem Brief eine Fundgrube bedeutender Ideen für den deutschsprachigen Raum zugänglich gemacht.

Für Freiheitsfreunde ist das zunächst der Rat, gemeinsam vorzugehen. Daran schließt eine historisch bedeutende Erkenntnis an. Stefan Blankertz nennt es zurecht ein Verhängnis, nämlich dass Anarchisten nicht mit Liberalen und Liberale nicht mit Anarchisten ein Bündnis eingegangen sind. Beide hätten letztlich versagt, die Anarchisten im Bund mit den etatistischen Sozialisten und die Liberalen mit dem imperialistischen Zentralstaat. Was wäre wenn …? Diese Frage stellt sich unmittelbar, auch über Italien hinaus.

Zudem enthält der Brief zahlreiche aktuell anmutende Themen: „Den Nachdruck, den BAKUNIN auf lokale Initiative, bevormundungsfreie Selbstverwaltung, förderale Strukturen, die sich ‚von unten nach oben‘ – und nicht etwa umgekehrt – entwickeln, legte, wartet darauf, wiederentdeckt zu werden.“

Bakunin setzt sich in seinem Brief kritisch mit den Ideen Mazzinis auseinander, des neben Garribaldi wichtigsten und bekanntesten Revolutionärs für ein unabhängiges und vereinigtes Italien. Der zu dieser Zeit Marx in seiner Wirkung überlegene Anarchist betont, dass ein Werk nur dann tatsächlich national und lebendig sein könne, wenn die Menschen ihre Zustimmung gegeben haben, und strebt eine große Volksrevolution zur Befreiung an.

Ein Ziel der Revolution ist es „das Vollprodukt seiner Arbeit“ als Mensch selbst nutzen zu können, statt es an Herrschende abzugeben. Das Volk reklamiere die „Wissenschaft, die Freiheit, die Gleichheit, die Solidarität, die Brüderlichkeit für sich selbst, und um es mit einem Wort zu sagen: die Menschlichkeit“. Mit heutigen Worten: Das Gemeinwohl sollte man nicht gewählten Stellvertretern überlassen, genauso wenig wie sein erarbeitetes Einkommen.

Bakunin spricht sich gegen Zentralismus und für Emanzipation aus. Alle Staatsausgaben würden „letztlich auf die werktätige Bevölkerung entfallen“. Die heutige staatliche Zentralisierung bei globaler gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Dezentralisierung liegt als Assoziation genauso nahe wie überbordende bürokratische Wasserköpfe, die Ausgaben des Staates als Verzicht des Volkes anzusehen (Ludwig Erhard) und „There is no such thing as a free lunch“ (Milton Friedman).

Bakunin strebte einen Sturz des Staates und des Finanzmonopols sowie eine Neuorganisation einer emanzipierten Gesellschaft mit dem Ideal einer absolut freien und spontanen Föderation der Gemeinden und Arbeiterassoziationen an. Die Finanzeliten sind auch heute fundamentaler Kritik ausgesetzt. Die Gemeindefreiheit hat in und über die Schweiz hinaus Adolf Gasser bekannt gemacht und Robert Nef den Nonzentralismus als Weiterentwicklung eines subsidiären Föderalismus.

Der wahre Wille des Volkes statt der Willkür und Vorlieben der Führer ist eine zeitlose Herausforderung. Wolfgang Sofsky hat in „Macht und Stellvertretung“ das Problem archetypisch analysiert. Bakunins Ziel ist ein Volksstaat: „jeder Staat und jede zentralistische Regierung impliziert notwendigerweise eine Aristokratie und eine Ausbeutung und sei es nur noch durch die politische Klasse.“ und anschließend: „Vergessen wir nie, dass Staat Herrschaft bedeutet“.

Ein zeitloses Plädoyer für eine offene Gesellschaft, in der Konflikte zum produktiven Alltag gehören, liest sich bei Bakunin so: „Die lebendige, wirklich kraftvolle Einheit, die wir wollen, ist diejenige, die die Freiheit im Herzen freier und vielfältiger Erscheinungsformen des Lebens schafft, ausgedrückt durch die Reiberei, die alle lebendigen Kräfte in ein Gleichgewicht bringt und harmonisiert.“ Und mit Bezug zum Titel des schönen Bandes: „Ich werde nicht müde zu wiederholen: Einheitlichkeit, das ist der Tod. Vielfalt ist Leben.“

Es ist sehr verständlich warum Stefan Blankertz die Rückkehr des Geists von Bakunin für ein Muss hält.

 

Michael Bakunin: Unterschied ist Leben, Harmonie der Tod. Ein Brief 1872, übersetzt, kommentiert und herausgegeben von Stefan Blankertz, edition g. 117, BoD Norderstedt 2020, 78 S., Hardcover, zahlreiche Abbildungen, 17,80 Euro.

  
   

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